Über die Transfăgărăşan
17.September
Aus der Ferne sehen wir die Karpaten im Dunst auftauchen. Was für ein Glück wir haben mit dem Wetter! Nur wenige Wolken sind am Horizont, es herrscht ungetrübte Sicht. Auf diese Fahrt freuen wir uns seit Wochen!

Langsam schnurrt Biene die Straße hinauf, zunächst noch an fichtenbestandenen Felswänden vorbei, dann auf immer freier werdender Strecke. Weit unter uns wird die Ebene östlich von Sibiu sichtbar. Hier oben wird die Landschaft karger, auf den Felsen wächst Moos, und dazwischen halten sich gelbe Grasbüschel und niedrige grüne Büsche. Während einer Essenspause rasen einige Motorradfahrer*innen an uns vorbei und wenige PKWs und Camper, aber stark befahren ist die beliebte Strecke heute nicht.






Je höher wir kommen, desto eindrucksvoller werden die Aussichten auf die Serpentinen, die erst vor uns, dann unter uns liegen.

Vor der Einfahrt in den Tunnel, der den Paltinu- Berg auf etwa 2050m Höhe durchbohrt, liegt ein völlig überfüllter Touristen- Stopp mit den üblichen Nippes- und Fressbuden. Hier staut sich der Verkehr, doch dahinter geht es ohne Behinderung weiter – nun über Serpentinen und mit traumhaften Aussichten wieder hinunter.




Weiter unten auf der Strecke können wir an einer Quelle Wasser tanken, danach beginnt der dicht bewaldete Teil der Transfăgărăsan. Nun halten wir in der Hoffnung, einen Bären aus dem grünen Dickicht auftauchen zu sehen, die Augen auf. Und wirklich: Direkt vor uns taucht ein großer, gemütlich aussehender Braunbär hinter der Begrenzungsmauer auf! Gaaanz langsam fahren wir bis neben ihn heran und drehen das Fenster ein Stück herunter, um ihn fotografieren zu können. Was für ein Erlebnis!



Ein paar Kilometer später begegnet uns ein kleinerer Bär, der sich schneller bewegt, auf das Mäuerchen neben der Straße klettert und dann wieder im Wald verschwindet.
Am Lacul Vidraru legen wir einen Stopp ein. Der Wasserstand ist deutlich niedriger als normalerweise, dennoch ist die Talsperre beeindruckend. Über zehn Kilometer ist sie lang, und die Staumauer hat eine Höhe von 166,60 Metern.



Nach diesem erlebnisreichen Tag fahren wir einen privaten Stellplatz etwas abseits der Route an und übernachten gegen eine Spende in einem blühenden Garten unter Apfel- und Pflaumenbäumen.

Entlang der Südhänge der Karpaten
Wir wollen die Karpaten nicht verlassen, zu schön ist es hier. Steile bewaldete Hügel wechseln mit baumgruppenbestandenen Bergwiesen, die stark an die Schweiz erinnern. Nach Campulung fahren wir über eine schmale, teils sehr steile und kurvige und dazu holprige Bergstraße mit Ausblicken, die uns immer wieder aufs Neue begeistern. Ab und zu steht am Wegesrand eine bunte orthodoxe Kapelle, es gibt uralte Holzhäuser und moderne Ferienchalets für den Winter.

Die Wohnhäuser beeindrucken uns immer wieder: Verzierte Holzschindeln auf Dächern oder an Fassaden, Erker, Türmchen, Bogengänge und Pfeiler zieren die Wohnbauten. Verzierungen und Kitsch lieben viele Rumänen offenbar, doch auch moderne Ferienhäuser sehen wir.






Es gibt einen Parkplatz am Eingang der Schlucht Damboviciorei, von dem aus wir die asphaltierte schmale Straße zwischen den Felswänden entlang laufen. Ein Bächlein, das sich im Frühjahr wohl zu einem reißenden Fluss entwickeln kann, begleitet den Weg. Ein Hochzeitspaar in traditioneller Tracht lässt hier seine Hochzeitsfotos machen und stellt sich auch für mich in Pose.




Die Straße durch die Schlucht (DJ730) wird immer steiler und schmaler und führt bis Ciocanu in Serpentinen hinauf bis auf 1200m; ein Nachtplatz ist unter diesen Bedingungen schwierig zu finden. Schließlich parken wir in einem Neubaugebiet mit halb fertigen Ferienhäusern, wo uns der Besitzer des entsprechenden Grundstücks morgens freundlich weckt.





Bran – vampirisch gruselige Verhältnisse
19. September
Kurz vor Burg Bran / der Törzburg, die als „Dracula-Schloss“ bekannt geworden ist, führt die Bergstraße wieder auf die Hauptstraße. Einen Parkplatz gibt es für uns unweit des Aufgangs zum Schloss, aber weit genug weg vom Touristenstrom.

Die Burg ist im Prinzip ein schönes, recht kleines und kleinteiliges Schloss mit einem überschaubaren Innenhof, vielen Treppen und Winkeln und einer gemütlichen Dachterrasse. Bekannt geworden ist es, weil Bram Stoker in seinem Roman Dracula ein ähnlich aussehendes Schloss beschrieben hat. Allerdings ist der Autor nie in Rumänien gewesen, das Bild der Burg hat sich jedoch in vielen Erzählungen und Filmen verselbständigt. Heute wird mit diesem Ruf der Burg Bran als Dracula-Schloss viel Geld verdient: Der Eintritt von umgerechnet 18€ pro Person berechtigt, in einer langen Menschenschlange dicht gedrängt zu festgelegten Zeiten auf festgelegter Route durch festgelegte Räume zu laufen, vielen Menschen beim Erstellen ihrer Selfies zuzusehen und Beklemmungsgefühle in einem von Touristen verstopften Geheimgang zu ertragen. Ab und zu kann man einen Blick in verschiedene Wohnräume erhaschen. Nicht vorstellen möchte man sich, was passiert, wenn hier ein Notfall eintritt: ein Durchkommen für Helfer wäre unmöglich.




Froh, dem Gedränge entkommen zu sein, laufen wir zügig zurück durch den wenig ansprechend gestalteten Schlosspark; der Weg zum und vom Schloss weg gleicht einem Jahrmarkt mit Imbissständen, „mittelalterlichen Kunst“- Vorführungen, Nippes und Ritterkampf- Shows. Schnell weg hier!
Bei Zarnesti und Magura
20. September
Viele rumänische Familien nutzen das Wochenende offenbar, um Ausflüge in die Natur zu unternehmen. Damit wir noch einen der sehr gefragten Parkplätze nahe der Schlucht Prapastiilor ergattern, fahren wir bereits am sehr frühen Morgen über die Zufahrtsstraße und haben Glück: Zum Einen finden wir eine hervorragende Trinkwasserquelle, zum Anderen sind erst wenige Menschen mit Autos angereist.
Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg, um die Schlucht zu erkunden – leider muss man zunächst etwa zwei Kilometer laufen, um zum interessanten Teil des Canyons zu gelangen. Zuvor passiere ich ein Schild, das vor Bären warnt und Verhaltensregeln aufzeigt. Da ich zur frühen Morgenzeit noch allein wandere, singe ich lauthals vor mich hin und hoffe so, jegliche Bären zu verschrecken. Der Weg führt zwischen steilen, hohen Felswänden entlang, ein Bächlein begleitet ihn. Viele „Bärenhöhlen“ sind am Wegesrand zu sehen.










Nach etwa 5 Kilometern führt der Weg extrem steil bergauf durch dichten Nadelwald, ich kehre um und laufe denselben Wanderweg zurück. Nun sind ganze Heerscharen von vor Allem rumänischen Familien unterwegs, vor Bären brauche ich mich nicht mehr zu fürchten.
Über Magura führt die schmale, steile und vor Allem staubige Schotterstraße nach Moieciu de Jos. Häuser, Blätter, das Gras auf den Wiesen sind graugelb eingestaubt, und auch unsere Biene ist nach der Fahrt einheitlich sandfarben. Die Karpaten- Aussicht bleibt uns erhalten, auch wenn sich das Wetter eingetrübt hat. Auf einer Anhöhe finden wir eine Wiese zum Übernachten.






Festung Răşnov/ Rosenau
Nach Răşnov ist es nicht weit, somit besuchen wir am nächsten Tag die dortige Festung. Diese ist allerdings offenbar schon seit Jahren wegen „Renovierung“ geschlossen – man kann lediglich um die Anlage herumlaufen.


Nach einer kurzen reinigenden Wäsche für Biene von oben beziehen wir einen Nachtplatz in einem Schi-Resort kurz vor Braşov/ Kronstadt. Wintersportstätten sind im Sommer eine gute Wahl für eine ruhige Nacht: Hier ist alles wie ausgestorben. Am Morgen ist die Temperatur in den Keller gestürzt, also: Heizung an und dicke Jacken rausholen!
Braşov/ Kronstadt
Diese Stadt begeistert uns! So eine angenehme Atmosphäre, so viele schöne Häuser! Hier hört man übrigens häufig die deutsche Sprache, und auch Beschriftungen sind, natürlich neben Rumänisch, auch auf Deutsch zu lesen. Braşov/ Kronstadt ist ebenso eine Gründung des deutschen Ritterordens wie viele andere siebenbürgische Städte; heute leben noch etwa 1200-2000 Siebenbürger Sachsen in der Stadt, nach dem 2. Weltkrieg waren es noch etwa 10.000. Neben Sibiu/ Hermannstadt war Braşov/ Kronstadt über Jahrhunderte wirtschaftliches und religiöses Zentrum der Siebenbürger Sachsen.
Von dem Tagesparkplatz am Weißen Turm (einem Teil der ehemaligen Stadtmauer) haben wir einen wunderbaren Blick über die gesamte Altstadt und den Hausberg Tămpa.



Von hier aus steigt man viele Stufen hinab und kommt schließlich auf die große sehenswerte Piaţa Sfatului, den Mittelpunkt der Stadt mit dem Alten Rathaus. Letzteres wurde zwischen 1515 und 1528 erbaut, und auch der imposante Rathausturm wurde in der Zeit errichtet.



Das Hirscher-Haus, erbaut unter der Bürgermeisterwitwe Apollonia Hirscher 1545 als Kaufmannshaus für die Händler der Zünfte, begrenzt den Platz zum Stadtberg Tămpa hin.

Vom Platz aus sind es nur ein paar Schritte bis zur Schwarzen Kirche, 1477 gebaut als gotische Hallenkirche und eines der Wahrzeichen der Stadt. Bei einem Stadtbrand wurde sie 1690 stark beschädigt und nach dem teilweisen Einsturz der Gewölbe später wieder aufgebaut und wiederholt restauriert. Durch Rauch und Ruß waren Teile der Kirche schwarz verfärbt, daher stammt der heute offiziell gewordene Name „Schwarze Kirche“.
Besonders interessant sind für uns die bunt bemalten Kirchenbänke, das reich verzierte Chorgestühl und die siebenbürgischen Teppiche, eine Sammlung anatolischer geknüpfter Teppiche aus dem 16.-18. Jahrhundert, gestiftet von Kronstädter Kaufleuten und anderen wohlhabenden Bürgern.






Die Straßen der Stadt sind geprägt von spätmittelalterlichen Häusern und reich verzierten großzügigen Bauten des 19. Jahrhunderts, die wir bestaunen, bis der Nacken schmerzt.







Köstlich essen gehen wir im Brunch House an der Piaţa Sfatului – ein Omelette mit Lachs und eine Waffel, die mit Pistaziencreme, Rosenmarmelade und Crème fraiche übergossen ist.




Ein Tag in der Stadt mit all diesen Eindrücken ist anstrengend – das reicht erst einmal!
Die Sieben – Leitern – Schlucht
Bevor wir die südlichen Karpaten endgültig verlassen, geht es noch einmal im Süden von Braşov ins Piatra-Mare-Gebirge bis nach Timişu de Jos, wo der Wanderweg in die Sieben-Leitern-Schlucht beginnt. Der Bergbach Şapte Scări hat hier eine Schlucht in den Kalkstein gegraben.
Idyllisch schlängelt sich der Wanderweg in Richtung der Schlucht, begleitet vom Bach. Nach etwa drei Kilometern beginnt der spannende Aufstieg durch die Schlucht über mehr oder weniger steile, am Fels befestigte Leitern.












Auf dem Rückweg kann man eine Bergkuppe umrunden und landet so wieder am Eingang der Schlucht. Wer möchte, kann sich für einen sehr exklusiven Rückweg über 37 Zip-Lines über insgesamt 4171m Länge entscheiden – jede mehr oder weniger lang, nicht immer unmittelbar miteinander verbunden, sondern durch Auf- und Herabklettern zu erreichen.


Ich laufe heute lieber und bin nach drei Stunden zurück an Biene.











































































































































































































































































































































