Von Bourges in die Bourgogne

Zwei Tage in Bourges

Der Campingplatz in Stadtnähe von Bourges bietet Wasser und Grauwasserablass sowie eine schöne warme Dusche und genügend Platz um Biene herum für 12,60€/Nacht. Stadtnah gelegen, hört man doch nur morgens ein wenig den Verkehr der nahe gelegenen Hauptstraße.

Nach dem Regentag genieße ich die sich immer stärker durchsetzende Sonne und laufe die etwa 1,5 Kilometer in die Innenstadt. Die Kathedrale Saint Étienne ist schon von Weitem zu sehen und ragt hoch über die anderen städtischen Gebäude hinaus. Seit 1992 gehört sie dem UNESCO- Weltkulturerbe an.

Sie ist in der Frühgotik, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, erbaut worden und verfügt – untypisch für diese Zeit – nicht über ein Querschiff, dafür aber über jeweils zwei durchgehende höhengestaffelte Seitenschiffe. Wettereinflüsse und zu schwache Fundamente bewirkten, dass der Nordturm und die Gewölbe schon bald wieder einstürzten. Der Südturm wurde nicht höher gebaut, der Nordturm wurde stärker befestigt und höher als der Südturm neu aufgebaut.

Das Innere der Kathedrale beeindruckt mich durch die Höhe und die Schlichtheit der Ausgestaltung. Lediglich in wenigen Seitenkapellen ist noch eine Bemalung der Wände zu erkennen.

Die Innenstadt von Bourges gefällt mir wesentlich besser als die von Nevers. Lange schlendere durch die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und Sträßchen, die gesäumt sind von zahlreichen – es sollen über 400 sein –  Fachwerkhäusern, die einen etwas morbiden Charme versprühen und teils restauriert sind. Sie stammen größtenteils aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Einige neuere Bauten aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts stehen dazu in starkem Kontrast.

Das Palais Jacques-Coeur sticht aus dem Ensemble hervor; es handelt sich um den Stadtsitz eines Kaufmannes, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zum reichsten Mann des Königreiches wurde. Nicht mehr als acht Nächte soll sich Jacques Coeur in seinem Palais aufgehalten haben, noch vor der Fertigstellung fiel er bei der Krone in Ungnade und musste flüchten. Heute wird das Palais vom Staat verwaltet und dient als Museum.

Am 13. März entscheide ich, nicht weiter in den Süden Frankreichs zu fahren, da das Wetter dort momentan nicht wesentlich besser ist und zudem der Dieselpreis in diesen Tagen bei 2,17€ und höher liegt, so dass die weite Fahrt für mich nicht lohnenswert erscheint. Stattdessen fahre ich nach Osten, zurück über Nevers in einen kleinen Ort namens Baye am Étang de Baye. Der Stellplatz wird umsonst von der Gemeinde gestellt und liegt direkt am See. Grau ist der Himmel und kalt der Wind, ich mache nur einen größeren Spaziergang um den See herum, um dann schnell wieder in die gemütliche Biene zu kommen. Im Sommer herrscht hier sicherlich viel Boots- und Touristenverkehr, jetzt liegen See und Boote verlassen da.

Am Canal du Nivernais und weiter nach Lormes

Aprilwetter!

Am 14. März fahre ich zunächst bei Regen, dann bei Sonne, aber kühlen Temperaturen nur wenige Kilometer weiter zu einem Parkplatz bei Port-Brule am Canal du Nivernais. Der Kanal stellt eine Verbindung zwischen dem Flusssystem der Loire und dem der Seine dar. Erbaut wurde er zwischen 1784 und 1843. Vom Parkplatz aus wandere ich am Kanal entlang, um die 16 auf 3,5 Kilometern fast direkt hintereinander liegenden Schleusen anzuschauen. Eine interessante Wanderung – der Kanal ist zwischen einigen Schleusen nahezu ausgetrocknet, ein uraltes Boot liegt wohl schon sehr lange auf Grund. Zwischen weiteren Schleusentoren ist die Wasserstraße so voll, dass sie sich zu einem See ausweitet. Die Schleusentore sehen verrostet aus, lassen sich aber von Hand an der Kurbel auf und zu bewegen. An jeder Schleuse steht ein Schleusenwärterhaus, teilweise sind diese noch bewohnt, so dass ich die Kurbel schnell wieder loslasse.

Ursprünglich diente der Kanal der Holzflößerei, in wachsendem Umfang dem Transport anderer Güter. Seit den 1970er Jahren wurde der Canal du Nivernais zunehmend touristisch von Haus- und Sportbooten genutzt. Ob das heute noch – vielleicht im Sommer – der Fall ist, erschließt sich mir beim skeptischen Betrachten des Wasserstandes und der Schleusentore nicht.

Zurück laufe ich über die Höhen der Wiesen und Wälder, an einem weiteren, sehr schmalen Kanal entlang, und komme gerade vor dem nächsten Regenschauer wieder bei Biene an.

In Lormes, etwa 20 Kilometer weiter nordöstlich, finde ich einen schönen Parkplatz für die nächsten zwei Nächte direkt an einem kleinen See. Wie zumeist sind auch hier die Stell- und Campingplätze geschlossen, auf dem Parkplatz neben einer großen Wiese ist jedoch Platz genug für viele Wohnmobile – Biene bleibt jedoch mal wieder allein.

Von hier aus mache ich nach einer sternklaren Nacht mit Minusgraden eine wunderbare Wanderung um den kleinen See herum, durch den Ort Lormes zur Cascade de Narvau und in die Gorges du Narvau, eine Schlucht, die eingebettet in den Naturpark Marvan liegt.

An Wassermühlen vorbei komme ich zunächst zum Wasserfall. Von hier aus geht es oberhalb des Baches durch einen lichten Wald von Traubeneichen; der Boden ist mit einem Meer aus blühenden englischen Hasenglöckchen und Buschwindröschen bedeckt. Der Frühling ist schon hier! Runde Felsen liegen überall, von Moos bewachsen, teilweise ist es mehr ein Klettern als ein Wandern hinunter zum Bach. Der Ginster zeigt erste gelbe Blüten, und das Wasser rauscht sprudelnd und gluckernd durch den Grund der Schlucht. Eine tolle Wanderung, zumal die Sonne noch durch die Bäume blitzt und alles in ein unwirkliches Licht taucht!

Auf dem Rückweg durch die hübsche Stadt kann ich zum ersten Mal ein Baguette in einer Boulangerie kaufen. Lecker!

Kleine hübsche Dörfer, ein Schloss und eine Abtei

Am 16. März fahre ich weiter in Richtung  Vézelay. Auf dem Weg, wenige Kilometer nördlich von Lormes, liegt das Chateau de Bazoches. Es wurde ursprünglich im 12./13. Jahrhundert erbaut und im 14. Jahrhundert erweitert. Es hat einen auffälligen trapezförmigen Grundriss.

Sebastien le Prestre de Vauban, der berühmte Festungsbauer unter Ludwig XIV, hat vor Allem in diesem Schloss, gemeinsam mit vielen Ingenieuren, mehr als 300 Festungen geplant. Ein Standardwerk zum Festungsbau, aber noch wesentlich mehr schriftliche Werke und Erfindungen, hauptsächlich im militärischen Bereich, gehen auf seinen Ideenreichtum zurück. Seine Wohnräume und die seiner Frau, sein Arbeitszimmer, eine große Galerie und die unglaublich umfangreiche Bibliothek sind hier zu besichtigen – sehr beeindruckend! Eine der bekanntesten Festungen ist die „Idealfestung“ Neuf-Brisach im Elsass.

Blick vom Schloss auf Vézelay

Nach diesem Besuch und einem kleinen Spaziergang rund um das Anwesen fahre ich weiter bis Saint-Père, einem kleinen Ort mit schöner Kirche, nur 5 Kilometer von Vézelay entfernt. Leider gibt es auch hier keine geöffneten Stell- oder Campingplätze, sodass ich mit dem städtischen Parkplatz Vorlieb nehmen muss. Obwohl es ziemlich beengt ist, hat glücklicherweise niemand etwas dagegen, dass ich hier zwei Nächte bleibe. Außer mir und meiner Biene sind allerdings auch um diese Jahreszeit noch keine Touristen unterwegs.

Von hier aus unternehme ich eine Radtour durch den Parc Naturel Regional du Morvan, auf der ich – mit Ausnahme der Städte Avallon und Vézelay – kaum Autos oder Menschen begegne. Um diese Jahreszeit kann man unbesorgt auf nahezu jeder Straße in dieser Gegend radeln. Zudem sind die meisten Straßen kaum breiter als drei Meter und eher Fahrrad- als Auto-geeignet. Die 24 Kilometer bis Avallon geht es stetig auf und ab.

Tal des Cousin am Fuße Avallons

Die kleine Stadt liegt auf einem Felsplateau mit Blick auf das Tal des Cousin. In der Stadt gibt es mehrere große Plätze und ein paar sehenswerte Gebäude. Am interessantesten sind jedoch die Remparts, die mittelalterliche Stadtmauer.

Nach der Mittagsrast radele ich etwa vier Kilometer am Cousin entlang. Der schlängelt sich durch Fels und lichte Bäume entlang einer schmalen Straße bis Pontaubert – eine wunderschöne, geruhsame Strecke. Zu hören sind nur das sanfte Gluckern des Flusses und der Frühlingsgesang der Vögel.

Wenig später treffe ich auf ein schön renoviertes Wasserschloss, das heute als 5 Sterne- Hotel ausgebaut ist, das Chateau de Vault de Lugny. Den Fluss begleite ich, bis er in die Cure fließt, an dieser geht es weiter bis Givy und Asquins. Ein weiterer schöner Streckenabschnitt, auch hier ist der Frühling mit leuchtenden Farben schon eingekehrt!

Blick auf Vézelay

Schließlich strahlt mir im Gegenlicht das letzte Tagesziel, Vézelay, entgegen. Eine kleine Stadt mit noch nicht einmal 500 verbliebenen Einwohnern, liegt Vézelay auf einem hoch aufragenden Felsplateau. Die Gemeinde gilt als eine der schönsten Frankreichs und ist ein bekannter Wallfahrtsort sowie einer der Ausgangspunkte eines Jakobsweges. Autos dürfen im Ort nicht fahren, und auch das Fahrrad schiebt man besser. Macht nichts, denn es gibt so viel zu sehen, dass ich sowieso an jeder Ecke anhalten und fotografieren will.

Zunächst radele ich jedoch außen um die Festungsmauer herum, genieße den Ausblick übers Land und gelange schließlich von „hinten“ bei der romanischen Basilika Sainte-Madeleine ins Dorf. Hinter der Basilika schlendere ich über den großen Platz, der mit Kastanien bestanden ist, die schon prächtiges Blattwerk ausfahren.

Neben der Basilika befinden sich einige Kanonikerhäuser, die aus hochwertigem Kalkstein im 16. Jahrhundert erbaut wurden. Von hier aus schlendere ich kreuz und quer durch den Ort, der vornehmlich noch aus Häusern aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit besteht. Insbesondere die Fenstereinfassungen aus Säulen und Bögen sind oft noch erhalten und zeugen vom einstigen Reichtum. Ausnahmsweise begegne ich zwei Touristengruppen – die ersten und letzten meiner Reise. Im Sommer wird man den Charme des Städtchens wohl nicht mehr so genießen können wie heute.

18. – 20. März

Ich verlasse den städtischen Parkplatz in St. Père, um mir mit Noyers-sur-Serein erneut ein besonders schönes burgundisches Städtchen anzusehen. Der Weg führt nach Nordosten über sehr schmale Straßen, und ich bin froh, dass mir kein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Der städtische Parkplatz bietet genügend Platz für Biene, ist aber nicht für eine Übernachtung geeignet.

Durch die Porte Peinte betrete ich die Stadt. Über die kopfsteingepflasterten Gassen geht es durch den einst als Handelszentrum bekannten Ort zum Rathausplatz und dann zum Marktplatz. Hier stehen neben den Steinhäusern noch viele Fachwerkhäuser mit auffälliger Balkenstruktur aus dem 15. und 16. Jahrhundert, im Untergeschoss oft gemauert und mit Steinarkaden versehen.

Nach dem Durchqueren des Ortes wandere ich ein wenig weiter, hinauf zu den Resten einer Burgruine. Über 300 Stufen geht es hinauf, zu sehen ist allerdings nicht viel mehr als ein paar Steine, die rekonstruierten Stümpfe zweier Türme und ein paar neuere „Kunstwerke“.

Auf dem Rückweg laufe ich zwischen der Stadt und dem Fluss Serein entlang, sodass ich den Blick auf die Stadtmauer mit ihren insgesamt 19 Türmen richten kann. So ein schönes Städtchen!

Nachdem ich Noyers verlassen habe, gönne ich mir noch eine Besichtigung: Die Abtei Fontenay, nur wenige Kilometer entfernt. Die Größe des Parkplatzes vermittelt einen Eindruck von Zeiten, in denen die Touristen strömen, jetzt ist er nahezu leer.

Die Abtei ist eine der ältesten Zisterzienserabteien. Sie wurde 1118 von Bernhard von Clairvaux gegründet. Das Leben war hier von Arbeit, Verzicht und Gebet geprägt. Bis ins 15. Jahrhundert waren die Klosterbrüder wirtschaftlich unabhängig , das Kloster aufgrund des großen Landbesitzes wohlhabend. Im 19. Jahrhundert wurde die Abtei als Papierfabrik genutzt, im 20. Jahrhundert ging sie in Privatbesitz über, wurde saniert und 1981 schließlich zum UNESCO- Weltkulturerbe erklärt.

Die ursprüngliche Schlichtheit der Gebäude und Ausstattung ist schon in der Außenansicht der rein romanischen, nahezu schmucklosen Kirche nachzuvollziehen. Lediglich die Marienstatue aus dem 13. Jahrhundert zieht den Blick auf sich.

Während ich in der Kirche bin, habe ich das Glück, dem wunderschönen zweistimmigen Halleluja-Gesang eines Besucher*innenpaares zuhören und leise mitsingen zu dürfen.  Nichts anderes dringt in diese Stille und Reinheit. Erst nach einer langen Zeitspanne kann ich mich lösen und gelange über eine Treppe in den Schlafsaal.

Der Saal ist von einem beeindruckenden Eichengebälk überwölbt. Hier schliefen alle – bis zu 200 – Mönche auf dem Boden auf Stroh.

Kreuzgang
Kreuzgang

Der Kreuzgang ist genauso schlicht gehalten wie der Rest der Abtei. Von hier aus verläuft der Rundgang durch den Kapitelsaal und den Mönchssaal zur sogenannten „Wärmehalle“, dem einzigen mit zwei Kaminen beheizbaren Raum.

Die große Schmiede aus dem 13. Jahrhundert wurde mit Hilfe einer Wassermühle von den Mönchen betrieben, um das Eisenerz aus den in der Nähe gelegenen Stollen zu schmieden.

Auch der Garten aus gekiesten Wegen und Rasenflächen ist schlicht gehalten, lediglich am Ende des Geländes befindet sich ein Brunnen. Der künstliche Wasserfall seitlich der Schmiede stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Abtei Fontenay

Am Ende des Tages finde ich einen schönen Freistehplatz am Canal de Bourgogne bei Pouillenay, wo ich zwei Nächte bleibe.

Die Sonne lacht schon früh, und so folge ich dem Canal de Bourgogne 16 Kilometer mit dem Rad in Richtung Süden bis zur Pont Royal. Unzählige Schleusen, kahle Baumgruppen mit Mispelnestern und hölzerne Tiny-Häuser lenken den Blick auf sich, und obwohl ich schon so viele französische Canal-Schleusen gesehen habe, wird es nicht langweilig.

Zurück geht´s bergauf, über schmale einsame Straßen durch sattgrüne Wiesen, an blühenden Bäumen und Sträuchern und am Chateau de Marigny-le-Cahouet vorbei. An einer kleinen Steinbrücke raste ich, bevor es am Canal wieder zurück geht. 

Der kleine Ort Flavigny-sur-Ozera ist auf dem Rückweg einen Abstecher wert, allerdings muss ich dazu fünf Kilometer bergauf strampeln. Mit der letzten Akku-Reserve komme ich auf dem Hügel an, zum Glück geht es zurück nur noch bergab!

Auch das mittelalterlich geprägte Flavigny gehört zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“, gefällt mir aber nicht so gut wie die bisher besichtigten mittelalterlichen Dörfer. Die Häuser und die befestigten Tore stammen in ihrem Ursprung zum großen Teil aus dem 13. Jahrhundert, was teilweise noch an den Fenstereinfassungen und Steinkonsolen erkennbar wird. In Flavigny gibt es eine Benediktiner-Abtei, und die Mönche mit ihren Kutten machen wohl eine Rallye. Mehrfach rennen kleine Gruppen von Ordensbrüdern mit wehenden Kutten an mir vorbei, lachend und grüßend. Im Ort sind etliche Häuser und Straßen im Renovierungs-Stau, ein winziger Lebensmittelladen hat geöffnet, dort erwerbe ich ein paar Scheiben Brot für 3,50€.

Nachdem die Sonne die Froststernchen vom Sattel geschmolzen hat, wage ich noch eine Tour am nächsten Tag nach Osten, über die Hügel und Berge des Morvan, am Stausee Armancon bis Semur-en Auxoise. Kalt ist es! Nur der innere Stadtkern erscheint mir sehenswert, also schnell zurück in die warme Biene.

An der Porte Sauvigny

Zurück nach Hause

Auf einem winzigen Gemeindestellplatz in Rebeuville am Mouzon bei Neufchateau erwache ich bei Frost.

Auf eine letzte kalte und kurze Tour wage ich mich, um Neufchateau anzusehen, bin aber enttäuscht:

Es geht ausschließlich über stark befahrene Straßen, die Straßen in Neufchateau, die als Radstraßen gekennzeichnet sind, sind in äußerst marodem, löchrigem und holprigem Zustand oder gar nicht befahrbar, und die Stadt ist nicht sehenswert. Lediglich die Place Jeanne d´Arc ist frisch herausgeputzt.

Nun geht es zügig in die Heimat: An Metz vorbei fahre ich, tanke nur kurz in Luxemburg (sehr preiswert für 2,00€ )und übernachte noch einmal in Bitburg in der Eifel auf einem für Wohnmobile zugelassenen Parkplatz, dann geht es in zwei Etappen nach Hause.

Frühlingsreise in die Mitte Frankreichs

Endlich wieder mit Biene unterwegs!

Im letzten Jahr waren wir nur für zwei Wochen in den Niederlanden, was kaum einen Bericht wert war. Nun geht es endlich wieder los, nach Frankreich, zunächst über Belgien, danach werden sich Ziele ergeben…

Momentan sitze ich nach zwölf Tagen mit schönstem Frühlingswetter auf einem preiswerten Campingplatz in Bourges in der Region Centre-Val de Loire in der Mitte Frankreichs. Hier kann ich den heutigen Regentag verbringen, eine gute Gelegenheit zum Schreiben. Also der Reihe nach:

Durch Belgien zur Maas

2.März 

Die Fahrt führt an Köln und Aachen vorbei nach Raeren, direkt hinter der Grenze gelegen. Hier finde ich am alten Vennbahnhof ein ruhiges Plätzchen für die Übernachtung.

Da es noch früh am Nachmittag ist, kann ich die Umgebung erkunden und nach „Altbekanntem Ausschau halten“. Ein Spaziergang führt um das Dorfgebiet herum über die mit vielfältigen Durchgängen abgesicherten Weiden zur Burg Raeren, einer befestigten Wohnanlage mit Wassergraben aus dem Mittelalter. Heute beherbergt die Anlage ein Töpfereimuseum. Nebenan steht das Haus Raeren, ein mittelalterlicher Wohnturm, der fast noch in ursprünglicher Form erhalten ist.

Burg Raeren

Auf der Straßenseite gegenüber der Burg befindet sich eine der typischen langen, zur Straße quer stehenden Häuserreihen, das Haus Zahlepohl. Dort, wo sich heute die Verwaltung des Museums befindet, war für einige Jahre mein Zuhause. Der Garten ist einem Parkplatz und dem Café gewichen, doch die Eternitplatten an der Straßenseite des Häuserblocks sind immer noch dieselben wie vor über 40 Jahren!

Haus Zahlepohl

3.- 4. März

Nach 150 Kilometern Fahrt erreiche ich Dinant, eine Kleinstadt an der Maas in Wallonien. Sie ist unter Anderem bekannt als Geburtsort des Erfinders des Saxophons, Adolphe Sax. Das sehe ich auch auf jeden Schritt bei meinem ersten Stadtrundgang. Vom hundert Meter oberhalb des Stadtkerns gelegenen Parkplatz neben dem Sportzentrum geht es in steilen Kurven hinunter in die Stadt. Auf jedem Platz, an jeder Ecke stehen riesige Saxophone aus Holz, Plastik oder Gips, und die über die Maas gespannte Brücke ist auf beiden Seiten mit den farbig ausgestalteten Instrumenten geschmückt.

Auf dem Felsen über der Stadt ragt die Zitadelle auf. Nach dem kleinen Rundgang steige ich 408 steile Stufen hinauf, um in die Festung zu gelangen – dieser Frühsport reicht für den ganzen Tag. Glücklicherweise kann ich etliche lohnende Fotopausen einlegen.

Blick von der Festung auf Dinant

Im Innern der Festung sind einige der früheren Räumlichkeiten rekonstruiert und exemplarisch dargestellt. Als besonders beeindruckend erweist sich für mich die Ausstellung zum Überfall von deutschen Divisionen zu Beginn des 1. Weltkrieges im Juli/ August 1914. Bei dem sogenannten Massaker von Dinant zerstörten deutsche Truppen bei ihrem Durchmarsch nach Frankreich dreiviertel der Stadthäuser und töteten über 670 Zivilisten. Von August bis Oktober kamen im umliegenden Gebiet über 5500 Zivilisten durch deutsche Soldaten ums Leben. Die Ausstellung hierzu lässt in erschütternden, teils dreidimensional gestalteten  (bewegten) Bildern und akustischen Zeugnissen ein wenig die Schrecken dieser Taten nachvollziehen. Leider lässt sich das hier nicht bildlich darstellen – fahrt mal hin und schaut euch die Ausstellung an!

4.-7. März

Nur gut 30 Kilometer weiter finde ich einen schönen Stellplatz im französischen Vireux-Molhain am Ufer der Maas. Der Platz war offenbar noch vor Kurzem überschwemmt, da die beiden Wohnmobile, die nach mir ankommen, auf der Wiese stecken bleiben, während ich Biene durch die Matsche dank des 4×4- Getriebes auf ein Stück festeren Untergrund bewegen kann. So kann ich einen schönen Blick zum Fluss hinüber genießen.

Von hier aus unternehme ich an den folgenden Tagen zwei Radtouren, die nicht besonders interessant sind – es geht auf dem sehr breit und glatt ausgebauten Voie verte trans Ardennes überwiegend am Fluss entlang. Langsam gewöhne ich mich wieder ans Radfahren und kann die frühlingshafte Natur genießen. Die Forsythien und Magnolien blühen, viele Bäume zeigen einen ersten hellgrünen Schleier, es summt in der Luft und riecht nach der erwachenden Natur. Am Geruch erkenne ich den im Wald neben dem Weg üppig wuchernden Bärlauch und pflücke mir mein Abendessen.

8.-10. März

Nach drei Tagen habe ich genug von der Maas und bewege Biene in Richtung Nevers. Einen nächtlichen Zwischenstopp mit Spaziergang durch das recht verlassen wirkende Dorf gibt es in Saint-Julien-de-Sault.

Über größere, kleinere und ganz schmale mautfreie Straßen fahre ich gemütlich bis Nevers. Die Umgebung wird nun hügeliger und immer grüner.

In Nevers

Der Stellplatz liegt direkt an der Brücke auf der der Stadt gegenüber liegenden Seite. Er kostet 13€ pro Nacht und ist trotz der Stadtnähe recht ruhig. Er ist etwa zu einem Drittel belegt, bietet Wasser und Abwasserentsorgung und nach Belieben auch Stromanschlüsse. Letztere brauche ich nicht, mit der Frühlingssonne erzeugt Biene genug Strom.

Stellplatz in Nevers
Blick vom Stellplatz auf die Loire und Nevers

Die Sonne scheint warm, so dass ich gleich nach der Ankunft eine Radtour entlang der Kanäle, an etlichen Schleusen vorbei über die Kanalbrücke von Guétin bis nach Aprémont-sur-Allier unternehme. Welch ein Glück, bei Sonne am Wasser entlang zu radeln! Spannend ist die Brücke, die einen Seitenkanal der Loire über die Allier führt. Sie ist schon fast 200 Jahre alt und 343m lang. Am Bec d´Allier strömt der Fluss Allier mit Macht in die Loire.

Mündung der Allier in die Loire

Das kleine Dorf Aprémont-sur Allier trägt zu Recht den Titel „eines der schönsten Dörfer Frankreichs“. Schmucke, gepflegte hellgraue Steinhäuser mit Dächern aus Ton oder Stein erinnern mich an die beschaulichen Dörfer in Cornwall. Nicht alles ist hier allerdings so alt wie es scheint: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ der Hüttenmeister Eugène Schneider fast alle Häuser des Dorfes restaurieren oder gar abreißen und neu im mittelalterlichen Stil des Berry erbauen. So entstand die heute zu besichtigende, gelungene Einheit aus Dorf und Schloss.

In den Gärten blühen die ersten Sträucher, die Hecken sind frisch gestutzt. Nur wenige Häuser scheinen bewohnt zu sein, und so begegne ich  – trotz des Sonntags – kaum einem Menschen. Es ist wohl auch noch zu früh im Jahr, denn leider sind Anfang März weder das auf dem Hügel über dem Dorf thronende Schlösschen noch der Parc floral zugänglich. So genieße ich das Pausenbrot auf einer Bank am Fluss. Zurück geht es über leichte Hügel, vorbei an blühenden Hecken und kleinen Privatschlössern.

Eine weitere Radtour führt in den Westen der Stadt Nevers, über Wiesenwege durch Naturschutzgebiete und schmale Straßen zum Bec d´Allier, an Kanälen entlang wieder zurück. Die Häuser am Wegesrand sehen unbewohnt und  heruntergekommen aus.

Ein Stadtrundgang durch die ehemals bedeutende, als „Stadt der Künste und der Geschichte“ geltende Stadt Nevers steht noch aus. Vor 12 Jahren war ich schon einmal in Nevers und habe gute Erinnerungen an die Altstadt. Die Erwartungen sind also hoch. Allerdings bestätigt sich hier der Eindruck, den ich von der ländlichen Umgebung schon gewonnen habe: Bis auf ein paar „Prachtbauten“, bei denen zumindest die Sichtseite restauriert und ansehnlich ist, wirken viele Häuser ungepflegt, unbewohnt oder dem nahenden Verfall preisgegeben. Von den hölzernen Schlagläden blättert die Farbe ab, von den Hauswänden der Putz. Wie enttäuschend! Der „Fil Bleu“, eine blaue Leitlinie, die Touristen auf ihrem Gang durch die Stadt geleiten soll, ist verblasst, vielerorts nicht mehr zu sehen. Das entspricht wohl dem Gesamtbild.

Und: Auf knapp fünf Kilometern durch die Stadt finde ich keine einzige Boulangerie – die sind wohl auch ausgestorben!

Palais Ducal mit Platz der Republik

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Monumentalbauten anzuschauen, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern sowie einen Blick in die Kathedrale Saint-Cyr et Sainte-Julitte zu werfen. Diese wird zur Zeit renoviert und ist nur zu einem Drittel zugänglich – die bunten, in einem Farbenrausch erstrahlenden Fenster entschädigen das. Diese Fenster wurden nach der Zerstörung der Kathedrale im Juli 1944 und nach dem Wiederaufbau von verschiedenen Künstlern 1977-2011 gestaltet und sind sehr beeindruckend.

Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte

Am folgenden Tag geht die Reise weiter nach Bourges, in die Hauptstadt des Départements Cher.

Aus dem Süden Spaniens zurück nach Deutschland

31. Januar – 2. Februar

Den herrlichen Klippenstellplatz an der Cala Blanca kennen wir schon von der Hinfahrt – vor wenigen Wochen waren wir nur drei Buchten weiter. Nun stehen wir ganz oben auf dem Felsabsatz und können zu den Buchten hinunterwandern.

Das mache ich auch, während Tom die Umgebung mit dem Fahrrad erkundet und durch den Parque Regional de Cabo Cope zum Mirador hinaufradelt. Endlich ist es so warm und sonnig, wie es sich für eine spanische Küste im Winter gehört.

Mich zieht es nach Westen an der Küste entlang in Richtung des Cabo Cope, den Sendero del Mediterraneo nach Südwesten kenne ich schon vom letzten Aufenthalt im Dezember. Auf dem Weg zum Cabo Cope gibt es nicht mehr viele Steigungen, stattdessen erstrecken sich hier landwirtschaftliche Anpflanzungen von Gemüse und Salaten bis nahezu ans Meer. Hotelbauten oder Ferienwohnungen gibt es hier nicht. Gräser und Bambus stehen am Wegesrand, nur vereinzelte kleine Blumen blühen.

Nachmittags besuchen wir die Höhlenwohnungen in der Cala Blanca. Sie sind recht geräumig, und die Unterteilung in verschiedene Funktionsbereiche ist noch gut erkennbar. Die folgenden Buchten nach Osten bis zur Playa de Los Hierros sind einsam und ruhig, sie sind mit dunklem Sand oder Kies überspült und mit Auto nicht zu erreichen.

2. Februar

Bei warmem Sonnenschein legen wir heute eine lange Reisestrecke über die wunderschöne aussichtsreiche Bergstrecke bis Mazzaron und schließlich bis Quesa kurz vor Valencia zurück. Nachmittags schlendern wir durch den kleinen Ort zum Kalvarienberg – zum Radfahren ist es hier, nicht mehr an der Küste, sondern in einer der zahlreichen Bergregionen, zu kühl.

Blick vom Kalvarienberg nach Osten

Nach einer ruhigen Nacht am Sportzentrum in Quesa setzen wir die Fahrt durch die bergigen Regionen im Südwesten von Valencia fort. Bis nach Millares sind es nur 25 Kilometer, über die glatt asphaltierte, schmale serpentinenreiche steile Straße dauert die Fahrt einige Zeit. Bis auf eine Hochebene auf 560m Höhe geht es hinauf, bevor wir nach Millares wieder hinunter fahren. Immer wieder halten wir an, um zu schauen, zu staunen und zu fotografieren. Was für eine grandiose Landschaft!

El Chorrador del Bosque, den 65m hohe Wasserfall im Barranco del Nacimiento hinunter in die Schlucht des Flusses Jucar, will ich erwandern, während Tom die schmale, sauber asphaltierte Straße erradelt. Der kleine Ort Millares lehnt am Berghang, gegenüber thronen die Reste des Castillet von Millares. Hier führt der schmale Pfad zum Wasserfall vorbei. An der Molino de los Moros ist eine Kiefer fast umgestürzt, daneben beginnt der Abstieg über eine wenig vertrauenswürdige, völlig marode und letztendlich abgestürzte Betontreppe – und endet nach etlichen Stufen an einem abenteuerlichen Abbruch. Den Wasserfall kann ich leider nicht erreichen und muss umkehren. Im weiteren Verlauf des Wanderweges durch den Barranco del Nacimiento – heute ein schmaler Bach – sind verheerende Verwüstungen zu erkennen, zu denen der Starkregen im Herbst geführt hat. Bäume sind ausgerissen, Bambus weggespült, und Brücken und Straßenabschnitte liegen hier noch in Trümmern im Bachbett und auf dem Weg.

Durch Millares, eine nicht weiter sehenswerten Stadt, laufe ich oberhalb des Ortes über einen kaum auffindbaren Bergpfad zur Biene, die an einem wunderschönen spanischen Friedhof steht. Hier übernachten wir heute.

4. Februar

Sonnig, aber zu kühl zum Radfahren ist es zumindest mir hier in den Bergen, und so verabschieden wir uns aus dieser wunderschönen Gegend, in der es doch so viel mehr noch zu entdecken gäbe. Bis Dos Aguas folgen wir der Schlucht des Jucar und seinen Zuflüssen, phänomenale Blicke bieten sich auch auf diesem Weg, so dass wir immer wieder anhalten.

Dos Aguas

Bis auf 560m führt die Strecke auf eine Hochebene hinauf, die schmale Straße weist kein einziges Loch im Asphalt auf und ist rennradgeeignet. Erst vor Real  befinden wir uns wieder im Tal, Obst- und Mandelbäume zieren die Wegesränder. In El Catllar kurz hinter Tarragona finden wir einen geeigneten Übernachtungsplatz an einem Flussbett. Bevor es dunkelt, ist noch ein Spaziergang durch den Ort mit Burg, mit diversen interessanten lost places und in die Umgebung möglich. Ein schönes altes Viadukt, das vor langer Zeit mit Bouldergriffen versehen wurde, befindet sich ganz in der Nähe.

5. Februar

Ein Tag, an dem nichts so klappt, wie wir es uns wünschen. Die Handy-Mobilverbindung ist stundenlang gestört, der Einkauf im Supermarkt dauert Stunden, obwohl wir früh unterwegs sein wollen. Um Barcelona herum ist die Autobahn so voll, dass die Fahrt gefühlte Ewigkeiten dauert und wegen der aggressiven Fahrweise der LKW´s nervenaufreibend ist. Letztendlich landen wir am frühen Nachmittag in Vallgorguina. Eine Wanderung zu den Dolmen de Pedra Gentil ist uninteressant und führt ohne Ausblicke und ohne Sonne immer nur bergauf bzw. bergab. Als ich zurück zu Biene komme, ist die Tür halb offen, die Treppe ausgefahren – hat wohl jemand vergessen abzuschließen. Zum Glück fehlt nichts! Zu guter Letzt geht beim Kochen das Gas aus, und bei Eiseskälte und im Dunkelheit muss Tom die Gasflasche tauschen.  Was für ein Tag!

6. Februar

Ein größerer Sprung von knapp 170 Kilometern, und schon sind wir nicht nur in Frankreich, sondern westlich von Perpignan in Ille-sur-Tet. Vom Parkplatz bei den Orgues, ganz besonderen Gesteinsformationen, laufen wir über einen etwa 800m langen Weg durch das Flusstal zweier Gebirgsbäche, die sich hier vereinen und bei Hochwasser den Weg unbegehbar machen. Das Gebiet der Orgues öffnet sich wie ein Theaterhalbrund. Es besteht aus zehn bis zwölf Meter hohen, aneinander gereihten oder auch vereinzelt stehenden Säulen aus Sandstein. Sehr empfindlich gegen jede Art von Erosion sind diese sogenannten Feenkamine, sie verändern sich mit jedem Regenguss. An den flacheren Hängen gibt es Einschnitte in Form vieler Orgelpfeifen. Diese besondere Landschaft gilt als Kulturerbe und steht seit 1981 unter Schutz. Das Gebiet ist nicht besonders groß, aber faszinierend anzusehen. Es erinnert an die Bardenas Reales südlich von Pamplona, bizarre Gesteinsformen aus Sand- und Kalkstein und Lehm.

Nach dem Besuch dieses sehenswerten Naturmonuments geht es endgültig und zügig auf die Heimreise. Bei Agde übernachten wir auf dem Aire de Veyrac, einem schönen kleinen Privatstellplatz, in der Nacht danach an der Saone bei Seurre. Am 8. Februar verbringen wir den Abend auf einem Stellplatz auf dem Weingut Weber in Ettenheim und lassen den Tag und die Reise im dazugehörigen hervorragenden Restaurant ausklingen.

Auf dem Weg zurück nach Sevilla und durch den Süden Spaniens

23. Januar: Durch die Extremadura

Schweren Herzens verlassen wir Monsaraz und das Zentrum des Alentejo. Die Wetterprognose sagt zehn Tage mehr oder weniger viel Regen und viel Wind sowie kühle Temperaturen voraus, und in einer Woche müssen wir uns sowieso auf den Heimweg machen.

Bei Regenwetter überqueren wir die Grenze nach Spanien und folgen der Landstraße durch die Extremadura. Hier fängt für uns Neuland an, und wir sind entzückt von der Landschaft. Saftig grüne Wiesen, die zur Zeit teilweise unter Wasser stehen, darauf große Steineichen und viele schwarze Schweine, die sich hier satt und rund fressen können, ab und zu ein paar Rinder mit großen Hörnern. Die Wiesen werden durch steinerne Mauern voneinander getrennt, Reiher fressen in den kleinen Seen und Bächlein Frösche und Fischchen. An den Hängen dieser schon sehr bergigen Gegend sieht man weiße Städtchen, ganz oben krönt eine Burgruine den Hügel. Einsam ist es hier, und bis Fregenal de la Sierra sehen wir kaum Autos. Bis Santa Olalla del Cala setzt sich diese schöne Landschaft fort. Orangen- und Zitronenbäume flanieren die Durchfahrtsstraßen in den kleinen Dörfern, die dadurch ein ganz besonderes Flair haben. Jeder Ort würde einen Halt lohnen, wenn das Wetter etwas trockener wäre!

23. Januar: In Sevilla

Was wir vor einem Monat versäumt haben, holen wir nun nach: Ein Besuch in Sevilla. Dank eines Tipps von Reisefreunden finden wir den nicht schönen, im Hafenindustriegebiet gelegenen, aber sicheren und nachts ruhigen, nicht teuren und relativ stadtnah gelegenen Stellplatz bei Stockauto Sur. In der Dämmerung laufen wir von hier aus noch über die Puente de las Delicias und weiter durch den Parque de Maria Luisa bis zur Plaza de Espana mit dem riesigen Gebäudekomplex des Cuartel General Fuerza Terrestre.

Plaza de Espana

Auf dem Rückweg bewundern wir den Pabellon Mudejar (heute Museum für Volkskunst und Brauchtum) und den Pabellon Real (heute Amtsgebäude), marokkanisch anmutende Bauten an der Plaza de América und zu Beginn des letzten Jahrhunderts konzipiert und erbaut.

Für den Vormittag des 24. Januar haben wir Eintrittskarten für den königlichen Palast in Sevilla gebucht. Damit wir alles in Ruhe ansehen können, schließen wir die Fahrräder, mit denen wir hergeradelt sind, mit 3 dicken Ketten an einem Verkehrsschild an – sind doch hier die Räder von Freunden gerade erst gestohlen worden. Später können wir sie unversehrt wieder abholen.

Die Palastanlage wird noch heute von der spanischen Königsfamilie bei Besuchen in Sevilla genutzt. Der Bau geht bis ins Mittelalter zurück, einige Mauern aus dieser Zeit sind noch erhalten. Ursprünglich als maurisches Fort angelegt, wurde der Palast im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert und zeigt heute ein Sammelsurium verschiedenster Baustile, vor Allem aus Gotik und Renaissance.

Innenhof Alcazar

Auch die Gartenanlagen des Alcazar sind einen Besuch wert. Kleinteilig gegliedert geben die zahlreichen Mauern Schutz gegen die sommerlichen heißen Winde. Viele dekorative Details schmücken die Höfe und Wege, und die interessante Anlage der Wasserläufe erinnert uns an diejenigen im Alcazar in Granada.

Im Anschluss an den Besuch im königlichen Palast haben wir noch viel Zeit, durch diese beeindruckende Stadt zu schlendern. Die große Kathedale haben wir vor wenigen Jahren schon einmal ausführlich besichtigt, nun zieht es uns in die Gassen der Altstadt bis hin zu den Setas de Sevilla. Die Setas, wie der „Metropol Parasol“ genannt wird, ist eine Hybridkonstruktion aus Beton, Holz und Stahl des deutschen Architekten Jürgen Meier, die zwischen 2004 und 2011 errichtet wurde. Die Setas sind das neue Wahrzeichen von Sevilla und gelten als das größte Holzbauwerk der Welt (Infos aus Wikipedia). Aussehen, Standort und Baukosten führten zu öffentlichen Kontroversen – uns beeindruckt das Bauwerk.

Nachmittags freuen uns über eine Kaffeepause an der Kathedrale, radeln am Guadalquivir entlang,  am Torre del Oro vorbei und genießen die Gitarrenmusik am Studierendentreff vor der Puente de Isabell II mit Blick auf den Torre Sevilla.

25.-27. Januar: In Canillas de Albaida

Nach Stadt kommt Land: Die Reise geht Richtung Südosten weiter und wieder in die Berge, nach Canillas de Albaida bei Competa.  Einen wunderschön gelegenen Stellplatz gibt es oberhalb dieser kleinen Ortschaft, die wir vor zwei Jahren schon einmal mit dem Fahrrad von Torrox aus besucht haben.

Schon früh am Morgen starten wir zu einer kleinen Wanderung vom Stellplatz nach Competa. Der Weg führt nahezu eben am Hang entlang und bietet fortwährend prachtvolle Ausblicke in die umliegenden Ortschaften, in das von Avocado-Plantagen geprägte Tal und bis zum etwa 12 Kilometer entfernten Meer. Auf jedem Grundstück thront ein großer Wasserbehälter zum Wässern der Bäume und Sträucher.

Competa

Competa ist eine kleine weiße Stadt, sehr gepflegt und idyllisch, und gefällt uns ausnehmend gut. Das Zentrum mit der Plaza Almijara und der etwa 500 Jahre alten Kirche ist sonntäglich belebt, vor den Cafés sitzen Touristen und Einheimische beim Kaffee. An der rechten Außenwand der Kirche fällt der Paseo de las Traditiones ins Auge, schöne Mosaike, die in Bildern von der Geschichte dieser Stadt erzählen. Die Skulptur am Ende ist dem Fandango gewidmet.

Eine weitere kurze, aber steigungsreiche Wanderung mache ich am Nachmittag hoch hinauf über den Ort Canillas. Trotz der aufziehenden Wolken lohnt der Ausblick auf das nord- und westwärts gelegene Bergmassiv den anstrengenden Auf- und vor Allem Abstieg. Bergab wird der Weg nämlich schwierig: Abgebrannte, verkohlte und umgestürzte Pinienstämme versperren den Wanderweg, hinzu kommt eine Wegführung, die nicht (mehr) wie auf komoot, meiner Wanderapp, angegeben existiert. Nach etlichen Umwegen finde ich zurück zum Stellplatz.

27. Januar: Las Negras

Bei tief hängenden Wolken wachen wir auf, und bei dichtem Nebel mit Sichtweite unter 10 Metern fahren wir sehr, sehr langsam die kurvige Straße bis zum Meer wieder hinab. An der Küste lichtet sich der Nebel. Auf der Autobahn A7 geht es für uns weiter über 200 Kilometer nach Osten. Entsetzt schauen wir unterwegs zunächst auf das Meer von Touristenbunkern unmittelbar an der Küste, etwas später auf das Meer von Plastiktreibhäusern rund um Almeria. Flach, trocken und grau-beige-braun ist die Landschaft hier am Cabo de Gata. Dazu kommt heute ein enormer Sturm, der den Sand in Augen, Mund und Nase bläst, die Fenster unserer Biene einnebelt und das Aussteigen nahezu unmöglich macht.

Auf der Ostseite des Cabo de Gata wird die Gegend ansprechender – dazu gehört auch, dass die Küstenregion hier wieder bergiger wird. Las Negras wird in Reiseberichten als eine zum Wandern und Radfahren geeignete, ansprechende Umgebung beschrieben, und hier nisten wir uns für drei Nächte ein. Die erste Nacht verbringen wir noch vor dem überfüllten Campingplatz „Wecamp“, zwei weitere dann ziemlich beengt auf dem Platz zwischen Dauercampern und Glampinghütten.

Den Versuch, am nächsten Tag eine Fahrradtour zu unternehmen, muss ich nach vier Kilometern beenden, da mich der Wind mit 80 km/h umweht. Stattdessen laufe ich von Las Negras aus auf dem Küstenwanderweg Richtung Osten um den Cerro Negro herum – eine eintönige Strecke über grau-grün-beige, spärlich bewachsene wüstenartige Hügel bis zur Burgruine in San Pedro und auf gleichem Weg wieder zurück. 

Erst auf dem Rückweg bei Las Negras wird es wieder etwas abwechslungsreicher, die Bucht vor dem Campingplatz leuchtet blau in der Sonne.

Am 29. Januar lässt der starke Wind etwas nach, und wir fahren mit den Fahrrädern zur Isleta del Moro und weiter nach Südwesten bis nach Los Escullos im Parque Natural Cabo de Gata. Das Castillo liegt unmittelbar am Meer und ist auf einer stark zerklüfteten Kalksteinfelsformation gebaut. Die Anlage wurde in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gebaut, ist allerdings Teil eines sehr viel älteren Küsten- Verteidigungssystems.

Auf der Rückfahrt entdecken wir bei einem Abstecher die Bateria de San Ramon bei Rodalquilar, ein ähnliches Verteidigungsbauwerk wie das gerade besichtigte und ebenfalls in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts erbaut. Wie San Felipe kann auch diese Anlage nur von außen besichtigt werden, doch interessanter als die Bauruine ist auch hier die Lage auf den zerklüfteten Sandsteinfelsen.  

30. Januar

Über kleine Straßen fahren wir über die AL 5106 nach Carboneras und folgen somit dem ausgeschilderten Radweg EV8. Vor dem Ort Carboneras befindet sich zunächst eine Beton- Industriezone und später eine sehr touristische, dicht bebaute Strandzone. Etwas weiter westlich beginnt eine einzigartige Bergstrecke über die AL 5107. Steile Serpentinen führen bis auf  200m hinauf, über in und an den Hang gebaute spektakuläre Straßenabschnitte mit perfekten Aussichten auf Berge und Meer bis zum Mirador de la Granadilla.

Hinunter geht es über Mojacar wieder am Meer entlang, hier ist alles dicht bebaut. Massen von Wohnmobilen stehen an der Küste, jeder freie Platz am Strand oder in den Ortschaften ist von mehreren Campern besetzt, oft sind es riesige Ansammlungen. Offizielle Stellplätze bilden an dieser Küste eine Ausnahme: Wer hier bleiben oder übernachten will, hat kaum eine Wahl.  

30./31. Januar: Playa de los Cocedores

Wir finden einen freien Nachtplatz auf einem dieser vielbevölkerten, oft illegalen, aber offensichtlich geduldeten Stellplätze an der Playa de los Cocedores. Die Sonne lässt das Blau in der Bucht erstrahlen, hell heben sich die umgebenden Sandsteinfelsen ab. Ein wenig klettern wir auf den umliegenden Hügeln herum, besuchen die Wohnhöhlen und schauen uns die riesige Ansammlung von Campern von oben an.

Am Morgen führt uns ein Spaziergang über die Klippen zur nächsten Bucht mit der Playa La Carolina in Richtung Aguilas. Wohnhöhlen gibt es auch hier, und aussichtsreiche Miradores über dem Meer.

Mittags verlassen wir diesen Platz, um nur 25 Kilometer weiter in eine weniger bevölkerte Klippenlandschaft in einer unserer Lieblingsgegenden zu gelangen.

Von der Algarve ins Alentejo bis zum Alqueva- Stausee

Von Salema aus machen wir einen eintägigen Abstecher nach Alvor, einem der malerischsten kleinen Ferienorte an der Algarve. Hier treffen wir uns mit Freunden, gehen in einem der zahlreichen ansprechenden Restaurants essen, schlendern durch das auch jetzt im Januar belebte Hafenstädtchen mit den weiß getünchten traditionellen Häusern und an der „Strandpromenade“ entlang. Über kilometerlange Holzstege, die Passadicos de Alvor, kann man durch die Dünenlandschaft des Naturreservats Ria da Alvor gehen.

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An der Atlantikküste nach Süden und an die Algarve

An der Westküste

Wir stehen gut auf dem Stellplatz bei Sao Teotonio und verbringen den ganzen Sonntag in Biene, denn es regnet stark und ohne Unterbrechungen. Montags lässt der Regen nach, so dass wir auf den Markt in Sao Teotonio gehen, um dort Gemüse und eine neue Pfanne zu kaufen.

Erst am 7. Januar ist das Wetter wieder sonnig und warm, so dass ich eine Wanderung von Zambujeira zum Cabo Sardao machen kann. Der Weg führt über die Rota Vicentina, den bekannten Küstenwanderweg, der mit blau-grünen Streifen immer gut gekennzeichnet ist. Er führt über die letzten sieben Kilometer ausschließlich an der Steilküste entlang, wo sich immer wieder tolle Blicke auf Klippen und Meer bieten.

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Von Guadalest durch den Süden Spaniens bis zur portugiesischen Grenze

Alcoi liegt im Hinterland der Costa Blanca auf einer Höhe von 560m. Dass es in dieser Höhe merklich kühler ist, sehen wir schon an der von Reif überzogenen Wiese am Morgen. Die Fahrradtour etwas später am Vormittag führt uns rund um den Naturpark Del Carrascar de la Font Roja. Auf rund 1000m Höhe strampeln wir hinauf, bevor die Straße nach Ibi wieder hinunterführt.

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Nach Spanien und Portugal im Winter 2024/25

Die ersten Stationen in Spanien

4.-7. Dezember

Endlich fahren wir wieder nach Süden! Das heißt: Zunächst geht es über Trier nach Luxemburg und am 6. Dezember dann bis kurz hinter Lyon. Wir durchfahren Frankreich sehr zügig, da der Wetterdienst für den nächsten Tag Schneefälle in der Nordhälfte Frankreichs und in den Bergen westlich und östlich der Rhone meldet. Da wir die Mautstrecken für das schnelle Weiterkommen nutzen, kostet uns die Fahrt 130€ Maut.

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Zurück nach Dover – Abschluss und Resumée

Im Dartmoor

Auf dem Rückweg nach Dover wollen wir noch das Dartmoor besuchen. Allerdings verhindert das nasse und kalte Wetter eine intensivere Erkundung. In Lydford am Rande des Dartmoors nehmen wir Quartier auf einem überteuerten Campingplatz. Von hier aus ist es nicht weit zur Lydford Gorge, der mit 30 Metern tiefsten Schlucht Südenglands. Sie wird vom River Lyd durchflossen und bildet einen feuchten, tiefgrünen Märchenwald mit tropfenden Felshängen. Auf schmalen, etwas rutschigen Wegen gelangt man bis zu einem Pool, in den das Wasser sprudelt.

Kurz vor den nächsten Regenschauern durchqueren wir den Ort Lydford mit Kirche und Burgruine und laufen zurück zum Campingplatz.

Am Folgetag schauen wir uns einen anderen, etwas südlicher gelegenen Teil der Schlucht mit dem White Lady Waterfall an. Neben dem Fluss entdecken wir Coin Trees, in welche tausende von Münzen geschlagen worden sind. Ein Brauch, der Glück bringen soll.

Das gesamte Gebiet wird vom National Trust verwaltet, und so fallen uns auch hier, wie überall zuvor bei Besichtigungen, einige „typisch englische“ Details ins Auge. So wird, wo immer es möglich ist, besondere Rücksicht auf Besucher*innen mit Behinderungen und auf Menschen mit kleinen Kindern genommen: Rollis und Rückentragegestelle sind umsonst auszuleihen. Die Wege und Zugänge sind selbst hier, in diesem zerklüfteten und hügeligen Gebiet, soweit wie möglich behindertengerecht gestaltet.

Auch auf die Hunde der Besucher*innen wird besonders eingegangen, sei es mit Pfählen zum Anbinden von vierbeinigen Begleitern vor den Toiletten oder mit dem Angebot an Hunde- Eis. Dennoch wird die Sicherheit und das Wohlbefinden der Besucher*innen geachtet.

Da Radfahren bei 12 Grad und Dauerregen nicht attraktiv ist, verschieben wir die Erkundung weiterer Sehenswürdigkeiten im Dartmoor auf einen trockeneren Sommer. Nach einem Stadtrundgang in Tavistock, einer kleinen historischen Stadt am Westrand des Dartmoors mit riesigem Rathaus und einer großen gotischen Hallenkirche, vielen kleinen Geschäften und einer imposanten Markthalle, durchfahren wir zügig das unter Naturschutz stehende Gebiet. Die steilen Hügel des Dartmoors verschwinden in den Wolken, die Heide- und Moorlandschaft und auch die Tors, typische Steinaufhäufungen, sind nur zu erahnen. Schade, denn hier begrenzen einmal keine Hecken wie in Cornwall den Blick.

Bis Salisbury kommen wir gut voran. Diese als besonders sehenswert beschriebene Stadt wollen wir anschauen – allerdings ist das aufgrund der Parkplatzsituation nicht möglich. Der große Parkplatz am Stadtrand ist eine riesige Baustelle, auf der sich lange Staus bilden und es unmöglich ist, eine Lücke für Biene zu finden. Entnervt geben wir nach einer Stunde auf und wagen uns auf die M25, die südlich an London vorbei führt. Aufgrund der katastrophalen Verkehrssituation hat sich um London herum auf dieser Strecke ein etwa 50 Kilometer langer Stau gebildet, und die Möglichkeiten auf andere Straßen abzufahren sind genauso schlecht wie durchzuhalten – wir brauchen entsprechend lange, um am heutigen Etappenziel bei Sevenoaks anzukommen.

Zwei Herrenhäuser in Kent

Inzwischen befinden wir uns in der Grafschaft Kent auf einer Campingsite des National Trust. Eine letzte Entdeckungstour ohne Regen gelingt am 10. Juli. Auch wenn immer wieder schwarze Wolken durchziehen, bleibt es trocken, und so radeln wir zunächst zum Knole House, einem Herrenhaus, das ursprünglich als Bischofspalast vor etwa 600 Jahren erbaut wurde. Heinrich VIII verleibte sich das Anwesen schließlich 1538 ein und baute es weiter aus, weilte dort jedoch selber nie lange Zeit. Seit 1566 gehörte es der Familie Sackville- West, die dort über 400 Jahre lebte. Mit jeder neuen Generation wurde erweitert, angebaut und umgebaut. Angeblich gibt es im Haus 7 Innenhöfe, 52 Treppen und 365 Räume – gesehen haben wir davon nur einige. Seit 1946 gehört das Anwesen dem National Trust.

Knole House vom Park aus

So spektakulär wie der Bau ist auch das Interieur. Wandteppiche, Möbel, aufwendig gestaltete Kamine und königliche Betten aus dem 16. und 17. Jahrhundert lassen uns staunen.

Durch den Damwild- Park radeln wir zu einem weiteren Besitztum des National Trust, es liegt nur acht Kilometer entfernt. Es ist nicht so prunkvoll und groß, aber ebenfalls ein besonderes Herrenhaus und hat in den ältesten noch erhaltenen Teilen das stolze Alter von 700 Jahren erreicht: Ightham Mole. Nur geringfügige Änderungen in der Grundstruktur des Hauses lassen es heute noch ähnlich wie damals erscheinen. Es hat einen Innenhof, um den sich die vier Seiten gruppieren und nach innen orientieren, nach außen umschließt das Gebäude ein Wassergraben.  Äußerlich erinnert es an Bauten in der Normandie, da es aus Stein und einem Fachwerk aus vielen senkrechten Eichenstämmen erbaut ist.

Ightham Mote

Der weitläufige Garten erstreckt sich über eine Rasenfläche hinaus bis zu einem Teich, der durch einen kleinen Bach gespeist wird. Ein Teil des Gartens ist mit Blumenflächen, Gemüsebeeten und Brunnen gestaltet. Wie in jedem bisher gesehenen englischen Garten herrscht eine angenehme Atmosphäre von gepflegt- verwilderter Gestaltung mit vielen blühenden Pflanzen, Büschen und Bäumen.

Canterbury

Das letzte Ziel der Reise ist Canterbury in Kent. Canterbury liegt nur noch eine halbe Fahrstunde von Dover entfernt und – besonders erwähnenswert: Es gibt einen preiswerten Stellplatz für Wohnmobile, von dem aus man bequem und kostenfrei die Altstadt in wenigen Minuten erreichen kann.

Canterbury ist vor Allem durch die Kathedrale bekannt, die auch heute noch der Sitz des Erzbischofs und damit Zentrum der Anglikanischen Kirche ist. Die Studentenstadt hat Flair und wird von vielen Jugendgruppen besucht, schließlich hat sie außer der Kathedrale noch einige Sehenswürdigkeiten zu bieten.

Das Old Weaver House am River Stour aus dem 15. Jahrhundert erinnert an die Weber, die sich hier niederließen; es gibt die King´s School, eine Privatschule und älteste Schule der Welt, das Beaney House of Art and Knowledge,  das Eastbridge Hospital, das Denkmal Thomas Becket´s und weitere interessante Gebäude wie das Canterbury Castle und etliche Kirchen. Einige davon sind mit Flintstein verkleidet, was der Wand einen besonderen Glanz verleiht.

Old Weaver´s House

Die Canterbury Cathedral überragt alle anderen Bauten und liegt in einem abgeschlossenen großen Gebäudekomplex, der Domfreiheit. Die Kathedrale wurde bereits im 11. Jahrhundert erbaut, Reste hiervon sind heute noch in der Krypta zu sehen. Die meisten Bauteile stammen aus romanischer und gotischer Zeit. Die schiere Größe der Kathedrale mit ihren unzähligen Kapellen lässt uns Staunen.

ein Teil der Kathedrale von Canterbury

Die Besichtigung Canterburys ist ein gelungener Abschluss der Reise, und am Morgen des 12. Juli bringt uns die Fähre von Dover nach Calais und damit nach fast acht Wochen zurück aufs Festland.

Ein kleines Fazit

Fremd war uns England in den ersten Tagen, nicht nur wegen des Linksverkehrs, sondern weil alles ein bisschen „anders“ ist: Das hohe Verkehrsaufkommen auf Straßen, die in Teilen autobahnähnlich sind, dann aber wieder in einen Kreisverkehr münden, an dem sich alles staut; die Campingplätze, die oft nur große Wiesen sind ohne Grauwasserentsorgung; die kleinen Läden, die es – anders als in Deutschland – noch vielfach gibt; die alten, oft noch einfach verglasten und ungedämmten Häuser und vor Allem und immer wieder die Freundlichkeit der Menschen.

Südengland war für uns landschaftlich beeindruckend schön. Saftig-grüne und farbenfrohe, ungemähte hohe Wiesen, Hecken und steile Hügel, eine zerklüftete und wunderbar wanderbare Küste mit Felsen, Kies- und Sandbuchten und hübsche kleine Städte haben für Abwechslung und Wohlbefinden gesorgt. Die nicht sommerlichen, etwas niedrigen Temperaturen haben unsere Unternehmungen nicht behindert, zumal es in den ersten Wochen kaum geregnet hat. Und schließlich haben wir in den gesamten fast acht Wochen keine Mücke und keine Pferdebremse gesehen oder gespürt.

Entgegen vielen Kommentaren im Internet haben wir das Radfahren in England zwar wegen der steilen Berge als anstrengend, aber nahezu durchgehend schön und ungefährlich empfunden und genossen. Es war fast immer möglich, die Routen so zu wählen, dass sie nicht über stärker befahrene A-Straßen führten, und meistens war auf schmaleren Straßen nur wenig Verkehr. Auf einspurigen Straßen haben die Autofahrer*innen stets Rücksicht genommen, oft angehalten und uns freundlich grüßend vorbei fahren lassen.

Anders erging es uns als Autofahrer*in. Weite Strecken zu fahren empfanden wir als sehr anstrengend. In Südengland kommt man nur langsam voran: Entweder ist es voll oder eng. Die Verkehrsplanung in England ist so gewöhnungsbedürftig, dass wir auch auf der Rückfahrt noch Schwierigkeiten mit aufeinander folgenden Kreisverkehren, sehr langen oder fremd ausgeschilderten, teilweise kilometerlangen Auf- und Abfahrten haben.

Ganz beeindruckend positiv ist die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Menschen in England. So viele Engländer*innen haben uns angesprochen und sich nach Erfahrungen und Wohlbefinden erkundigt, Tipps für Ausflüge und Einkaufsmöglichkeiten gegeben und Wege gewiesen. Keine einzige schlechte Erfahrung mussten wir im Umgang mit Menschen machen. Diese Umsichtigkeit und Höflichkeit spiegelt sich auch im Umgang mit Verbotsschildern (als Bitte formuliert), mit gehandikappten Menschen (ich habe noch nie so viele Rollstuhlfahrer*innen in der Öffentlichkeit gesehen) und nicht zuletzt mit Hunden (schätzungsweise gibt es in England ebenso viele Hunde wie Menschen, aber keine Hundehaufen auf den Gehwegen). Die Engländer*innen haben unsere Herzen erobert!

Eine gute Entscheidung war es, im Vorfeld der Reise dem Verein „Kulturerbe Bayern“ für 18€ jährlich als Mitglied beizutreten, da dies den kostenfreien Besuch sämtlicher Denkmaler des National Trust beinhaltet. So hat jede*r etwa 135 Pfund (etwa 150€) bei den Eintritten für Denkmäler des National Trust gespart, da in England die Eintrittsgelder sehr hoch sind.

In England gewöhnt man sich das Rauchen ab: Nachdem wir für eine Schachtel Zigaretten umgerechnet 20€ bezahlt haben, schmecken die Zigaretten nicht mehr. Zudem ist das Rauchen fast überall nicht erwünscht oder zumindest nicht gern gesehen – auch nicht im Außenbereich von Cafés. Rauchende Engländer*innen haben wir sehr selten gesehen.

Erstaunt hat uns die oft schlechte Internet- Verbindung in einigen Gebieten Südenglands – und dass wir kaum deutsche Camper gesehen haben. Gegen Ender unserer Reise wurden es langsam mehr; England ist wohl für die meisten Deutschen ein eher ungewöhnliches Sommer- Reiseland.

Für uns steht fest: Wir werden nicht zum letzten Mal in England gewesen sein!