Von Bourges in die Bourgogne

Zwei Tage in Bourges

Der Campingplatz in Stadtnähe von Bourges bietet Wasser und Grauwasserablass sowie eine schöne warme Dusche und genügend Platz um Biene herum für 12,60€/Nacht. Stadtnah gelegen, hört man doch nur morgens ein wenig den Verkehr der nahe gelegenen Hauptstraße.

Nach dem Regentag genieße ich die sich immer stärker durchsetzende Sonne und laufe die etwa 1,5 Kilometer in die Innenstadt. Die Kathedrale Saint Étienne ist schon von Weitem zu sehen und ragt hoch über die anderen städtischen Gebäude hinaus. Seit 1992 gehört sie dem UNESCO- Weltkulturerbe an.

Sie ist in der Frühgotik, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, erbaut worden und verfügt – untypisch für diese Zeit – nicht über ein Querschiff, dafür aber über jeweils zwei durchgehende höhengestaffelte Seitenschiffe. Wettereinflüsse und zu schwache Fundamente bewirkten, dass der Nordturm und die Gewölbe schon bald wieder einstürzten. Der Südturm wurde nicht höher gebaut, der Nordturm wurde stärker befestigt und höher als der Südturm neu aufgebaut.

Das Innere der Kathedrale beeindruckt mich durch die Höhe und die Schlichtheit der Ausgestaltung. Lediglich in wenigen Seitenkapellen ist noch eine Bemalung der Wände zu erkennen.

Die Innenstadt von Bourges gefällt mir wesentlich besser als die von Nevers. Lange schlendere durch die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und Sträßchen, die gesäumt sind von zahlreichen – es sollen über 400 sein –  Fachwerkhäusern, die einen etwas morbiden Charme versprühen und teils restauriert sind. Sie stammen größtenteils aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Einige neuere Bauten aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts stehen dazu in starkem Kontrast.

Das Palais Jacques-Coeur sticht aus dem Ensemble hervor; es handelt sich um den Stadtsitz eines Kaufmannes, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zum reichsten Mann des Königreiches wurde. Nicht mehr als acht Nächte soll sich Jacques Coeur in seinem Palais aufgehalten haben, noch vor der Fertigstellung fiel er bei der Krone in Ungnade und musste flüchten. Heute wird das Palais vom Staat verwaltet und dient als Museum.

Am 13. März entscheide ich, nicht weiter in den Süden Frankreichs zu fahren, da das Wetter dort momentan nicht wesentlich besser ist und zudem der Dieselpreis in diesen Tagen bei 2,17€ und höher liegt, so dass die weite Fahrt für mich nicht lohnenswert erscheint. Stattdessen fahre ich nach Osten, zurück über Nevers in einen kleinen Ort namens Baye am Étang de Baye. Der Stellplatz wird umsonst von der Gemeinde gestellt und liegt direkt am See. Grau ist der Himmel und kalt der Wind, ich mache nur einen größeren Spaziergang um den See herum, um dann schnell wieder in die gemütliche Biene zu kommen. Im Sommer herrscht hier sicherlich viel Boots- und Touristenverkehr, jetzt liegen See und Boote verlassen da.

Am Canal du Nivernais und weiter nach Lormes

Aprilwetter!

Am 14. März fahre ich zunächst bei Regen, dann bei Sonne, aber kühlen Temperaturen nur wenige Kilometer weiter zu einem Parkplatz bei Port-Brule am Canal du Nivernais. Der Kanal stellt eine Verbindung zwischen dem Flusssystem der Loire und dem der Seine dar. Erbaut wurde er zwischen 1784 und 1843. Vom Parkplatz aus wandere ich am Kanal entlang, um die 16 auf 3,5 Kilometern fast direkt hintereinander liegenden Schleusen anzuschauen. Eine interessante Wanderung – der Kanal ist zwischen einigen Schleusen nahezu ausgetrocknet, ein uraltes Boot liegt wohl schon sehr lange auf Grund. Zwischen weiteren Schleusentoren ist die Wasserstraße so voll, dass sie sich zu einem See ausweitet. Die Schleusentore sehen verrostet aus, lassen sich aber von Hand an der Kurbel auf und zu bewegen. An jeder Schleuse steht ein Schleusenwärterhaus, teilweise sind diese noch bewohnt, so dass ich die Kurbel schnell wieder loslasse.

Ursprünglich diente der Kanal der Holzflößerei, in wachsendem Umfang dem Transport anderer Güter. Seit den 1970er Jahren wurde der Canal du Nivernais zunehmend touristisch von Haus- und Sportbooten genutzt. Ob das heute noch – vielleicht im Sommer – der Fall ist, erschließt sich mir beim skeptischen Betrachten des Wasserstandes und der Schleusentore nicht.

Zurück laufe ich über die Höhen der Wiesen und Wälder, an einem weiteren, sehr schmalen Kanal entlang, und komme gerade vor dem nächsten Regenschauer wieder bei Biene an.

In Lormes, etwa 20 Kilometer weiter nordöstlich, finde ich einen schönen Parkplatz für die nächsten zwei Nächte direkt an einem kleinen See. Wie zumeist sind auch hier die Stell- und Campingplätze geschlossen, auf dem Parkplatz neben einer großen Wiese ist jedoch Platz genug für viele Wohnmobile – Biene bleibt jedoch mal wieder allein.

Von hier aus mache ich nach einer sternklaren Nacht mit Minusgraden eine wunderbare Wanderung um den kleinen See herum, durch den Ort Lormes zur Cascade de Narvau und in die Gorges du Narvau, eine Schlucht, die eingebettet in den Naturpark Marvan liegt.

An Wassermühlen vorbei komme ich zunächst zum Wasserfall. Von hier aus geht es oberhalb des Baches durch einen lichten Wald von Traubeneichen; der Boden ist mit einem Meer aus blühenden englischen Hasenglöckchen und Buschwindröschen bedeckt. Der Frühling ist schon hier! Runde Felsen liegen überall, von Moos bewachsen, teilweise ist es mehr ein Klettern als ein Wandern hinunter zum Bach. Der Ginster zeigt erste gelbe Blüten, und das Wasser rauscht sprudelnd und gluckernd durch den Grund der Schlucht. Eine tolle Wanderung, zumal die Sonne noch durch die Bäume blitzt und alles in ein unwirkliches Licht taucht!

Auf dem Rückweg durch die hübsche Stadt kann ich zum ersten Mal ein Baguette in einer Boulangerie kaufen. Lecker!

Kleine hübsche Dörfer, ein Schloss und eine Abtei

Am 16. März fahre ich weiter in Richtung  Vézelay. Auf dem Weg, wenige Kilometer nördlich von Lormes, liegt das Chateau de Bazoches. Es wurde ursprünglich im 12./13. Jahrhundert erbaut und im 14. Jahrhundert erweitert. Es hat einen auffälligen trapezförmigen Grundriss.

Sebastien le Prestre de Vauban, der berühmte Festungsbauer unter Ludwig XIV, hat vor Allem in diesem Schloss, gemeinsam mit vielen Ingenieuren, mehr als 300 Festungen geplant. Ein Standardwerk zum Festungsbau, aber noch wesentlich mehr schriftliche Werke und Erfindungen, hauptsächlich im militärischen Bereich, gehen auf seinen Ideenreichtum zurück. Seine Wohnräume und die seiner Frau, sein Arbeitszimmer, eine große Galerie und die unglaublich umfangreiche Bibliothek sind hier zu besichtigen – sehr beeindruckend! Eine der bekanntesten Festungen ist die „Idealfestung“ Neuf-Brisach im Elsass.

Blick vom Schloss auf Vézelay

Nach diesem Besuch und einem kleinen Spaziergang rund um das Anwesen fahre ich weiter bis Saint-Père, einem kleinen Ort mit schöner Kirche, nur 5 Kilometer von Vézelay entfernt. Leider gibt es auch hier keine geöffneten Stell- oder Campingplätze, sodass ich mit dem städtischen Parkplatz Vorlieb nehmen muss. Obwohl es ziemlich beengt ist, hat glücklicherweise niemand etwas dagegen, dass ich hier zwei Nächte bleibe. Außer mir und meiner Biene sind allerdings auch um diese Jahreszeit noch keine Touristen unterwegs.

Von hier aus unternehme ich eine Radtour durch den Parc Naturel Regional du Morvan, auf der ich – mit Ausnahme der Städte Avallon und Vézelay – kaum Autos oder Menschen begegne. Um diese Jahreszeit kann man unbesorgt auf nahezu jeder Straße in dieser Gegend radeln. Zudem sind die meisten Straßen kaum breiter als drei Meter und eher Fahrrad- als Auto-geeignet. Die 24 Kilometer bis Avallon geht es stetig auf und ab.

Tal des Cousin am Fuße Avallons

Die kleine Stadt liegt auf einem Felsplateau mit Blick auf das Tal des Cousin. In der Stadt gibt es mehrere große Plätze und ein paar sehenswerte Gebäude. Am interessantesten sind jedoch die Remparts, die mittelalterliche Stadtmauer.

Nach der Mittagsrast radele ich etwa vier Kilometer am Cousin entlang. Der schlängelt sich durch Fels und lichte Bäume entlang einer schmalen Straße bis Pontaubert – eine wunderschöne, geruhsame Strecke. Zu hören sind nur das sanfte Gluckern des Flusses und der Frühlingsgesang der Vögel.

Wenig später treffe ich auf ein schön renoviertes Wasserschloss, das heute als 5 Sterne- Hotel ausgebaut ist, das Chateau de Vault de Lugny. Den Fluss begleite ich, bis er in die Cure fließt, an dieser geht es weiter bis Givy und Asquins. Ein weiterer schöner Streckenabschnitt, auch hier ist der Frühling mit leuchtenden Farben schon eingekehrt!

Blick auf Vézelay

Schließlich strahlt mir im Gegenlicht das letzte Tagesziel, Vézelay, entgegen. Eine kleine Stadt mit noch nicht einmal 500 verbliebenen Einwohnern, liegt Vézelay auf einem hoch aufragenden Felsplateau. Die Gemeinde gilt als eine der schönsten Frankreichs und ist ein bekannter Wallfahrtsort sowie einer der Ausgangspunkte eines Jakobsweges. Autos dürfen im Ort nicht fahren, und auch das Fahrrad schiebt man besser. Macht nichts, denn es gibt so viel zu sehen, dass ich sowieso an jeder Ecke anhalten und fotografieren will.

Zunächst radele ich jedoch außen um die Festungsmauer herum, genieße den Ausblick übers Land und gelange schließlich von „hinten“ bei der romanischen Basilika Sainte-Madeleine ins Dorf. Hinter der Basilika schlendere ich über den großen Platz, der mit Kastanien bestanden ist, die schon prächtiges Blattwerk ausfahren.

Neben der Basilika befinden sich einige Kanonikerhäuser, die aus hochwertigem Kalkstein im 16. Jahrhundert erbaut wurden. Von hier aus schlendere ich kreuz und quer durch den Ort, der vornehmlich noch aus Häusern aus dem späten Mittelalter und der frühen Neuzeit besteht. Insbesondere die Fenstereinfassungen aus Säulen und Bögen sind oft noch erhalten und zeugen vom einstigen Reichtum. Ausnahmsweise begegne ich zwei Touristengruppen – die ersten und letzten meiner Reise. Im Sommer wird man den Charme des Städtchens wohl nicht mehr so genießen können wie heute.

18. – 20. März

Ich verlasse den städtischen Parkplatz in St. Père, um mir mit Noyers-sur-Serein erneut ein besonders schönes burgundisches Städtchen anzusehen. Der Weg führt nach Nordosten über sehr schmale Straßen, und ich bin froh, dass mir kein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Der städtische Parkplatz bietet genügend Platz für Biene, ist aber nicht für eine Übernachtung geeignet.

Durch die Porte Peinte betrete ich die Stadt. Über die kopfsteingepflasterten Gassen geht es durch den einst als Handelszentrum bekannten Ort zum Rathausplatz und dann zum Marktplatz. Hier stehen neben den Steinhäusern noch viele Fachwerkhäuser mit auffälliger Balkenstruktur aus dem 15. und 16. Jahrhundert, im Untergeschoss oft gemauert und mit Steinarkaden versehen.

Nach dem Durchqueren des Ortes wandere ich ein wenig weiter, hinauf zu den Resten einer Burgruine. Über 300 Stufen geht es hinauf, zu sehen ist allerdings nicht viel mehr als ein paar Steine, die rekonstruierten Stümpfe zweier Türme und ein paar neuere „Kunstwerke“.

Auf dem Rückweg laufe ich zwischen der Stadt und dem Fluss Serein entlang, sodass ich den Blick auf die Stadtmauer mit ihren insgesamt 19 Türmen richten kann. So ein schönes Städtchen!

Nachdem ich Noyers verlassen habe, gönne ich mir noch eine Besichtigung: Die Abtei Fontenay, nur wenige Kilometer entfernt. Die Größe des Parkplatzes vermittelt einen Eindruck von Zeiten, in denen die Touristen strömen, jetzt ist er nahezu leer.

Die Abtei ist eine der ältesten Zisterzienserabteien. Sie wurde 1118 von Bernhard von Clairvaux gegründet. Das Leben war hier von Arbeit, Verzicht und Gebet geprägt. Bis ins 15. Jahrhundert waren die Klosterbrüder wirtschaftlich unabhängig , das Kloster aufgrund des großen Landbesitzes wohlhabend. Im 19. Jahrhundert wurde die Abtei als Papierfabrik genutzt, im 20. Jahrhundert ging sie in Privatbesitz über, wurde saniert und 1981 schließlich zum UNESCO- Weltkulturerbe erklärt.

Die ursprüngliche Schlichtheit der Gebäude und Ausstattung ist schon in der Außenansicht der rein romanischen, nahezu schmucklosen Kirche nachzuvollziehen. Lediglich die Marienstatue aus dem 13. Jahrhundert zieht den Blick auf sich.

Während ich in der Kirche bin, habe ich das Glück, dem wunderschönen zweistimmigen Halleluja-Gesang eines Besucher*innenpaares zuhören und leise mitsingen zu dürfen.  Nichts anderes dringt in diese Stille und Reinheit. Erst nach einer langen Zeitspanne kann ich mich lösen und gelange über eine Treppe in den Schlafsaal.

Der Saal ist von einem beeindruckenden Eichengebälk überwölbt. Hier schliefen alle – bis zu 200 – Mönche auf dem Boden auf Stroh.

Kreuzgang
Kreuzgang

Der Kreuzgang ist genauso schlicht gehalten wie der Rest der Abtei. Von hier aus verläuft der Rundgang durch den Kapitelsaal und den Mönchssaal zur sogenannten „Wärmehalle“, dem einzigen mit zwei Kaminen beheizbaren Raum.

Die große Schmiede aus dem 13. Jahrhundert wurde mit Hilfe einer Wassermühle von den Mönchen betrieben, um das Eisenerz aus den in der Nähe gelegenen Stollen zu schmieden.

Auch der Garten aus gekiesten Wegen und Rasenflächen ist schlicht gehalten, lediglich am Ende des Geländes befindet sich ein Brunnen. Der künstliche Wasserfall seitlich der Schmiede stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Abtei Fontenay

Am Ende des Tages finde ich einen schönen Freistehplatz am Canal de Bourgogne bei Pouillenay, wo ich zwei Nächte bleibe.

Die Sonne lacht schon früh, und so folge ich dem Canal de Bourgogne 16 Kilometer mit dem Rad in Richtung Süden bis zur Pont Royal. Unzählige Schleusen, kahle Baumgruppen mit Mispelnestern und hölzerne Tiny-Häuser lenken den Blick auf sich, und obwohl ich schon so viele französische Canal-Schleusen gesehen habe, wird es nicht langweilig.

Zurück geht´s bergauf, über schmale einsame Straßen durch sattgrüne Wiesen, an blühenden Bäumen und Sträuchern und am Chateau de Marigny-le-Cahouet vorbei. An einer kleinen Steinbrücke raste ich, bevor es am Canal wieder zurück geht. 

Der kleine Ort Flavigny-sur-Ozera ist auf dem Rückweg einen Abstecher wert, allerdings muss ich dazu fünf Kilometer bergauf strampeln. Mit der letzten Akku-Reserve komme ich auf dem Hügel an, zum Glück geht es zurück nur noch bergab!

Auch das mittelalterlich geprägte Flavigny gehört zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“, gefällt mir aber nicht so gut wie die bisher besichtigten mittelalterlichen Dörfer. Die Häuser und die befestigten Tore stammen in ihrem Ursprung zum großen Teil aus dem 13. Jahrhundert, was teilweise noch an den Fenstereinfassungen und Steinkonsolen erkennbar wird. In Flavigny gibt es eine Benediktiner-Abtei, und die Mönche mit ihren Kutten machen wohl eine Rallye. Mehrfach rennen kleine Gruppen von Ordensbrüdern mit wehenden Kutten an mir vorbei, lachend und grüßend. Im Ort sind etliche Häuser und Straßen im Renovierungs-Stau, ein winziger Lebensmittelladen hat geöffnet, dort erwerbe ich ein paar Scheiben Brot für 3,50€.

Nachdem die Sonne die Froststernchen vom Sattel geschmolzen hat, wage ich noch eine Tour am nächsten Tag nach Osten, über die Hügel und Berge des Morvan, am Stausee Armancon bis Semur-en Auxoise. Kalt ist es! Nur der innere Stadtkern erscheint mir sehenswert, also schnell zurück in die warme Biene.

An der Porte Sauvigny

Zurück nach Hause

Auf einem winzigen Gemeindestellplatz in Rebeuville am Mouzon bei Neufchateau erwache ich bei Frost.

Auf eine letzte kalte und kurze Tour wage ich mich, um Neufchateau anzusehen, bin aber enttäuscht:

Es geht ausschließlich über stark befahrene Straßen, die Straßen in Neufchateau, die als Radstraßen gekennzeichnet sind, sind in äußerst marodem, löchrigem und holprigem Zustand oder gar nicht befahrbar, und die Stadt ist nicht sehenswert. Lediglich die Place Jeanne d´Arc ist frisch herausgeputzt.

Nun geht es zügig in die Heimat: An Metz vorbei fahre ich, tanke nur kurz in Luxemburg (sehr preiswert für 2,00€ )und übernachte noch einmal in Bitburg in der Eifel auf einem für Wohnmobile zugelassenen Parkplatz, dann geht es in zwei Etappen nach Hause.

Frühlingsreise in die Mitte Frankreichs

Endlich wieder mit Biene unterwegs!

Im letzten Jahr waren wir nur für zwei Wochen in den Niederlanden, was kaum einen Bericht wert war. Nun geht es endlich wieder los, nach Frankreich, zunächst über Belgien, danach werden sich Ziele ergeben…

Momentan sitze ich nach zwölf Tagen mit schönstem Frühlingswetter auf einem preiswerten Campingplatz in Bourges in der Region Centre-Val de Loire in der Mitte Frankreichs. Hier kann ich den heutigen Regentag verbringen, eine gute Gelegenheit zum Schreiben. Also der Reihe nach:

Durch Belgien zur Maas

2.März 

Die Fahrt führt an Köln und Aachen vorbei nach Raeren, direkt hinter der Grenze gelegen. Hier finde ich am alten Vennbahnhof ein ruhiges Plätzchen für die Übernachtung.

Da es noch früh am Nachmittag ist, kann ich die Umgebung erkunden und nach „Altbekanntem Ausschau halten“. Ein Spaziergang führt um das Dorfgebiet herum über die mit vielfältigen Durchgängen abgesicherten Weiden zur Burg Raeren, einer befestigten Wohnanlage mit Wassergraben aus dem Mittelalter. Heute beherbergt die Anlage ein Töpfereimuseum. Nebenan steht das Haus Raeren, ein mittelalterlicher Wohnturm, der fast noch in ursprünglicher Form erhalten ist.

Burg Raeren

Auf der Straßenseite gegenüber der Burg befindet sich eine der typischen langen, zur Straße quer stehenden Häuserreihen, das Haus Zahlepohl. Dort, wo sich heute die Verwaltung des Museums befindet, war für einige Jahre mein Zuhause. Der Garten ist einem Parkplatz und dem Café gewichen, doch die Eternitplatten an der Straßenseite des Häuserblocks sind immer noch dieselben wie vor über 40 Jahren!

Haus Zahlepohl

3.- 4. März

Nach 150 Kilometern Fahrt erreiche ich Dinant, eine Kleinstadt an der Maas in Wallonien. Sie ist unter Anderem bekannt als Geburtsort des Erfinders des Saxophons, Adolphe Sax. Das sehe ich auch auf jeden Schritt bei meinem ersten Stadtrundgang. Vom hundert Meter oberhalb des Stadtkerns gelegenen Parkplatz neben dem Sportzentrum geht es in steilen Kurven hinunter in die Stadt. Auf jedem Platz, an jeder Ecke stehen riesige Saxophone aus Holz, Plastik oder Gips, und die über die Maas gespannte Brücke ist auf beiden Seiten mit den farbig ausgestalteten Instrumenten geschmückt.

Auf dem Felsen über der Stadt ragt die Zitadelle auf. Nach dem kleinen Rundgang steige ich 408 steile Stufen hinauf, um in die Festung zu gelangen – dieser Frühsport reicht für den ganzen Tag. Glücklicherweise kann ich etliche lohnende Fotopausen einlegen.

Blick von der Festung auf Dinant

Im Innern der Festung sind einige der früheren Räumlichkeiten rekonstruiert und exemplarisch dargestellt. Als besonders beeindruckend erweist sich für mich die Ausstellung zum Überfall von deutschen Divisionen zu Beginn des 1. Weltkrieges im Juli/ August 1914. Bei dem sogenannten Massaker von Dinant zerstörten deutsche Truppen bei ihrem Durchmarsch nach Frankreich dreiviertel der Stadthäuser und töteten über 670 Zivilisten. Von August bis Oktober kamen im umliegenden Gebiet über 5500 Zivilisten durch deutsche Soldaten ums Leben. Die Ausstellung hierzu lässt in erschütternden, teils dreidimensional gestalteten  (bewegten) Bildern und akustischen Zeugnissen ein wenig die Schrecken dieser Taten nachvollziehen. Leider lässt sich das hier nicht bildlich darstellen – fahrt mal hin und schaut euch die Ausstellung an!

4.-7. März

Nur gut 30 Kilometer weiter finde ich einen schönen Stellplatz im französischen Vireux-Molhain am Ufer der Maas. Der Platz war offenbar noch vor Kurzem überschwemmt, da die beiden Wohnmobile, die nach mir ankommen, auf der Wiese stecken bleiben, während ich Biene durch die Matsche dank des 4×4- Getriebes auf ein Stück festeren Untergrund bewegen kann. So kann ich einen schönen Blick zum Fluss hinüber genießen.

Von hier aus unternehme ich an den folgenden Tagen zwei Radtouren, die nicht besonders interessant sind – es geht auf dem sehr breit und glatt ausgebauten Voie verte trans Ardennes überwiegend am Fluss entlang. Langsam gewöhne ich mich wieder ans Radfahren und kann die frühlingshafte Natur genießen. Die Forsythien und Magnolien blühen, viele Bäume zeigen einen ersten hellgrünen Schleier, es summt in der Luft und riecht nach der erwachenden Natur. Am Geruch erkenne ich den im Wald neben dem Weg üppig wuchernden Bärlauch und pflücke mir mein Abendessen.

8.-10. März

Nach drei Tagen habe ich genug von der Maas und bewege Biene in Richtung Nevers. Einen nächtlichen Zwischenstopp mit Spaziergang durch das recht verlassen wirkende Dorf gibt es in Saint-Julien-de-Sault.

Über größere, kleinere und ganz schmale mautfreie Straßen fahre ich gemütlich bis Nevers. Die Umgebung wird nun hügeliger und immer grüner.

In Nevers

Der Stellplatz liegt direkt an der Brücke auf der der Stadt gegenüber liegenden Seite. Er kostet 13€ pro Nacht und ist trotz der Stadtnähe recht ruhig. Er ist etwa zu einem Drittel belegt, bietet Wasser und Abwasserentsorgung und nach Belieben auch Stromanschlüsse. Letztere brauche ich nicht, mit der Frühlingssonne erzeugt Biene genug Strom.

Stellplatz in Nevers
Blick vom Stellplatz auf die Loire und Nevers

Die Sonne scheint warm, so dass ich gleich nach der Ankunft eine Radtour entlang der Kanäle, an etlichen Schleusen vorbei über die Kanalbrücke von Guétin bis nach Aprémont-sur-Allier unternehme. Welch ein Glück, bei Sonne am Wasser entlang zu radeln! Spannend ist die Brücke, die einen Seitenkanal der Loire über die Allier führt. Sie ist schon fast 200 Jahre alt und 343m lang. Am Bec d´Allier strömt der Fluss Allier mit Macht in die Loire.

Mündung der Allier in die Loire

Das kleine Dorf Aprémont-sur Allier trägt zu Recht den Titel „eines der schönsten Dörfer Frankreichs“. Schmucke, gepflegte hellgraue Steinhäuser mit Dächern aus Ton oder Stein erinnern mich an die beschaulichen Dörfer in Cornwall. Nicht alles ist hier allerdings so alt wie es scheint: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ließ der Hüttenmeister Eugène Schneider fast alle Häuser des Dorfes restaurieren oder gar abreißen und neu im mittelalterlichen Stil des Berry erbauen. So entstand die heute zu besichtigende, gelungene Einheit aus Dorf und Schloss.

In den Gärten blühen die ersten Sträucher, die Hecken sind frisch gestutzt. Nur wenige Häuser scheinen bewohnt zu sein, und so begegne ich  – trotz des Sonntags – kaum einem Menschen. Es ist wohl auch noch zu früh im Jahr, denn leider sind Anfang März weder das auf dem Hügel über dem Dorf thronende Schlösschen noch der Parc floral zugänglich. So genieße ich das Pausenbrot auf einer Bank am Fluss. Zurück geht es über leichte Hügel, vorbei an blühenden Hecken und kleinen Privatschlössern.

Eine weitere Radtour führt in den Westen der Stadt Nevers, über Wiesenwege durch Naturschutzgebiete und schmale Straßen zum Bec d´Allier, an Kanälen entlang wieder zurück. Die Häuser am Wegesrand sehen unbewohnt und  heruntergekommen aus.

Ein Stadtrundgang durch die ehemals bedeutende, als „Stadt der Künste und der Geschichte“ geltende Stadt Nevers steht noch aus. Vor 12 Jahren war ich schon einmal in Nevers und habe gute Erinnerungen an die Altstadt. Die Erwartungen sind also hoch. Allerdings bestätigt sich hier der Eindruck, den ich von der ländlichen Umgebung schon gewonnen habe: Bis auf ein paar „Prachtbauten“, bei denen zumindest die Sichtseite restauriert und ansehnlich ist, wirken viele Häuser ungepflegt, unbewohnt oder dem nahenden Verfall preisgegeben. Von den hölzernen Schlagläden blättert die Farbe ab, von den Hauswänden der Putz. Wie enttäuschend! Der „Fil Bleu“, eine blaue Leitlinie, die Touristen auf ihrem Gang durch die Stadt geleiten soll, ist verblasst, vielerorts nicht mehr zu sehen. Das entspricht wohl dem Gesamtbild.

Und: Auf knapp fünf Kilometern durch die Stadt finde ich keine einzige Boulangerie – die sind wohl auch ausgestorben!

Palais Ducal mit Platz der Republik

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Monumentalbauten anzuschauen, durch die Gassen der Altstadt zu schlendern sowie einen Blick in die Kathedrale Saint-Cyr et Sainte-Julitte zu werfen. Diese wird zur Zeit renoviert und ist nur zu einem Drittel zugänglich – die bunten, in einem Farbenrausch erstrahlenden Fenster entschädigen das. Diese Fenster wurden nach der Zerstörung der Kathedrale im Juli 1944 und nach dem Wiederaufbau von verschiedenen Künstlern 1977-2011 gestaltet und sind sehr beeindruckend.

Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte

Am folgenden Tag geht die Reise weiter nach Bourges, in die Hauptstadt des Départements Cher.