Drei Kirchenburgen in Siebenbürgen
In Siebenbürgen gibt es noch über 150 Ortschaften mit Kirchenburgen. Die Siebenbürger Sachsen erbauten diese vor Allem im 12. und 13. Jahrhundert zum Schutz vor osmanischen und anderen feindlichen Angriffen. Eine Kirchenburg ist eine Kirche, die in der Mitte einer Befestigungsmauer steht. Diese Mauer ist oft mit Verteidigungstürmen und/ oder Wehrgängen ausgestattet. Zudem kann es in einer Kirchenburg Wohnkammern als Rückzugsort für Familien, Handwerkerräume und Vorratskammern geben. Diese befinden sich meistens an den Innenseiten der Wehrmauern.
Die Kirchenburgen in Siebenbürgen sind in ihrer Erhaltung und Häufigkeit einzigartig. Sieben dieser Anlagen gehören heute zum Weltkulturerbe, drei davon besuchen wir.
Schon die Kirchenburg in Hărman/ Honigberg, gebaut um 1240, ist außerordentlich beeindruckend. Wir betreten den Innenhof und staunen! Während die Vorratsräume unten in die immerhin 12 Meter hohe innere Ringmauer eingebaut sind, führen steile Leitern zu den darüber liegenden Holzgängen und den Zugängen zu den einzelnen Wohnkammern. Wie unbequem es in Notzeiten gewesen sein muss, hier zu leben und sich zu bewegen!Besonders ist hier in Honigberg, dass auch an die Südseite der Kirche Vorrats- und Wohnräume angebaut sind. Die äußeren Mauern der Befestigungsanlage und der Wassergraben existieren nicht mehr.




Das kleine Museum, das hier heute betrieben wird, stellt unter Anderem auch ein Schulzimmer aus dem 19. Jahrhundert aus.


Die Kirche zeigt eine Innenausstattung aus dem 18. Jahrhundert. Auf den mittleren einfachen Holzbänken liegen Teppiche als Sitzkissen. Die Rückenlehnen hat man weggelassen, denn die verheirateten Frauen, die hier saßen, konnten sich mit ihren Trachten nicht anlehnen.
Die Honigberger Kirchenburg wurde im 16. und 17. Jahrhundert mehrfach angegriffen, aber nie eingenommen.
Die evangelische Kirchengemeinde betreibt den kleinen Campingplatz direkt nebenan im Pfarrgarten, die Einnahmen über die Unkosten hinaus kommen der Kirchenburg zu Gute. Da stehen wir doch gerne einmal auf einem Campingplatz und können auch mal wieder duschen!
Die Kirchenburg von Prejmer / Tartlau besuchen wir ein paar Tage später. Von außen wirkt sie mit der bis zu 14 Meter hohen Mauer uneinnehmbar. Bereits um 1218 wurde der Bau begonnen. Eine Vorburg ist im 16. Jahrhundert angebaut worden, und um hinein zu gelangen, muss man zunächst einen 32 Meter langen tunnelartigen Gang durchlaufen. Ein Modell veranschaulicht den Bau.


Gewaltig ist sie im Innern, diese Kirchenburg! 70 Meter im Durchmesser, und wir stehen und staunen, und erklimmen schließlich die ein oder andere Leiter. Drei oder vier Ebenen gibt es mit 272 Kammern, die über Laufstege erreichbar sind. Da mussten die Bewohner*innen noch fit sein! Ob die Alten und Kranken unten untergebracht waren?





Auch durch den Wehrgang mit seinen Schießscharten, Pechnasen und Türmen kann man laufen. Wie eng und dunkel es hier oben innerhalb der Wehrmauer ist!
Eine dritte Kirchenburg schauen wir uns an und beziehen dazu den großen Parkplatz vor dem Dorf Viscri/ Deutsch- Weißkirch – keine gute Entscheidung, denn die Hunde bellen die ganze Nacht hindurch. Allerdings ist der Platz ein guter Ausgangspunkt für den Besuch der Kirchenburg und des Dorfes.



Diese zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert erbaute Kirchenburg ist deutlich kleiner als die bisher angesehenen und liegt auf einem Hügel. Sie besteht aus einer Kirche in der Mitte der Anlage und einer mit mehreren Türmen versehenen Ringmauer mit ziegelgedeckten Wehrgängen. Die Mauer ist deutlich niedriger als die in Honigberg oder Tartlau. Im Erdgeschoss befinden sich Vorrats- und Handwerkerräume, Wohnräume können wir nicht entdecken.



Das Dorf Viscri ist mindestens ebenso interessant wie seine Kirchenburg. Eine sehr breite Hauptstraße führt durch das Dorf – ein Straßendorf , wie die meisten der durchfahrenen Dörfer. Ein Bach verläuft an einer Seite der Hauptstraße und speist mehrere Viehtränken und Brunnen. Zudem trennt ein breiter Wiesenstreifen die Häuser von der Straße. Jedes Haus hat eine sehr große Toreinfahrt zu einem dahinter liegenden Hof, zudem sehen die Häuser überwiegend frisch angestrichen aus, und jedes weist verzierende Elemente am Giebel oder um die Fenster herum auf.






Die Menschen vor den Häusern und in den Toreinfahrten sind wenig kontaktfreudig und wirken nicht erfreut über die Besucher, die durch ihr Dorf flanieren. Das ist aber nichts gegen die Menschen, die im etwas weiter nördlich gelegenen Buneşti leben. Hier hindurch radeln wir anderntags auf der (vergeblichen) Suche nach einer Radrunde. Extrem ärmliche Hütten stehen am Straßenrand, keine fertig gebaut, mit Wellblech notdürftig eingedeckt. Wäsche hängt auf Leinen und Zäunen, Kinder und Hunde spielen auf der Straße, überall liegt Müll. Die hier lebenden Menschen starren uns feindselig an. Wir vermuten, dass es sich hier um eine Roma-Siedlung handelt.



Radfahren in Rumänien – mal wieder ein Versuch
Den Versuch Rad zu fahren wagen wir von Viscri aus noch einmal, geben aber nach acht Kilometern auf und kehren um. Die Oberfläche des bei Komoot angegebenen Radwegs ist so grobschottrig und steil, dass er selbst für geübte Mountainbiker eine Zumutung wäre. Die Alternative ist eine Hauptstraße, auf der PKWs und LKWs mit hohem Tempo an uns mit 50cm Abstand vorbeirasen. Radfahren in Rumänien ist – abgesehen von kurzen Hin- und Rückwegen auf verkehrsarmen Sträßchen – lebensgefährlich.
Das Autofahren ist allerdings auch gewöhnungsbedürftig: LKWs und PKWs überholen in den Kurven ohne Sicht auf den Gegenverkehr, in den Ortschaften wird mit Tempo 80 überholt, Gegenverkehr wird bei diesen Manövern extrem gefährdet. Noch nie haben wir solch rücksichtslose Fahrer*innen erlebt wie in Rumänien.




Nach dem kurzen Besuch der Festungsanlage in Rupea, wo wir auf dem Parkplatz eine ruhige Nacht mit weitem Blick für umgerechnet 5€ verbringen dürfen, geht es über grüne Hügel mit dichtem Laubbaumbestand in Richtung Sighişoara/ Schäßburg.
Sighişoara/ Schäßburg
In Sighişoara gibt es viele große Parkplätze, aber – zumindest für uns – selbst nach dem Herunterladen der ParkApp keine Möglichkeit, die geforderten Gebühren zu zahlen. Vielleicht geht das allen Besuchern der Stadt so? Diese großen Parkplätze sind jedenfalls völlig leer. Wir parken und nächtigen vorsichtshalber am Rand einer kostenfreien Nebenstraße, nachdem wir am Abend auf dem Burgberg sehr nobel gegessen haben.


Morgens können wir bei wolkenlosem Himmel einen Blick auf die Altstadt auf dem Hügel werfen. Sighişoara wurde bereits im 12. Jahrhundert von den Siebenbürger Sachsen gegründet, heute leben nur noch etwa 2% Deutsche im Stadtgebiet – wir begegnen dennoch einigen deutsch sprechenden Siebenbürger Sachsen, die unter Anderem erzählen, dass sie eine deutsche Schule besucht haben.
Heute Morgen laufen wir über die Fußgängerbrücke hinüber zur kurzen Fußgängerzone am Fuß des Burghügels.



Hinauf in den historischen Ortskern steigt man über etliche Stufen und kommt schließlich am Stundturm an, dem Wahrzeichen der Stadt. Eine vollständig erhaltene, acht Meter hohe Mauer umschließt den Altstadtkern. Von den 14 Wehrtürmen, die jeweils einer anderen Zunft gehörten, sind noch neun erhalten.




Der frühere Marktplatz und heutige Burgplatz in der Altstadt ist umstanden von vielen farbigen Häusern, teils alte Zunfthäuser oder Patrizierhäuser, heute Gaststätten, Museen und Hotels. Schmale kopfsteingepflasterte Gassen führen kreuz und quer durch die kleine Altstadt, jede von interessanten, teils noch aus dem Mittelalter stammenden Häusern gesäumt. Hier herrscht eine gemächliche Geschäftigkeit, so wie in der gesamten Stadt eine Wohlfühlatmosphäre zu spüren ist.





Wer genau hinschaut, sieht: Hier wird bei 25 Grad schon weihnachtlich mit Tannengrün und Kugeln geschmückt!


Über die überdachte Holztreppe, die Schülertreppe, läuft man auf 175 Stufen vom Burgberg auf den Schulberg am südlichen Ende der Zitadelle. Diese Treppe wurde von einem fürsorglichen Schulmeister bereits 1642 errichtet, um seinen Schülern im Winter den Weg weniger beschwerlich zu machen, denn am oberen Ende der Treppe steht (immer noch) die deutsche Schule, das Lyceum Joseph Haltrich. Noch ein wenig höher thront die Bergkirche.


Das Rathaus der Stadt wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und ist ein Prachtbau von riesigen Ausmaßen. Hinter dem Rathaus befindet sich eine begrünte, dicht mit blühenden Blumen bepflanzte Aussichtsterrasse.


Nach Stadt kommt Land
Nicht weit von Schäßburg / Sighişoara entfernt finden wir den am Ende einer Sackstraße gelegenen Campingplatz BuBu mit allem Luxus (wie Sauna, Riesenbad, Küche… alles das, was wir nicht brauchen…) für umgerechnet 20€, wo wir in der ersten Nacht die einzigen Gäste sind.

Die Straßen hier bei Floreşti sind schmal und kaum befahren, deswegen wagen wir eine kurze Radtour nach Malmkrog, einem Ort am Ende der parallel gelegenen Sackgasse. So ein Glück: die Landschaft ist hügelig, die Wiesen grün und gelb, die Laubbäume noch grün, der Hopfen, der hier wächst, ist größtenteils geerntet – und es herrscht wirklich kaum Verkehr auf der asphaltierten Straße!








In Malmkrog gibt es eine nicht zugängliche Kirchenburg, die zwischen 1350 und dem 16. Jahrhundert ausgebaut wurde, und ein Herrenhaus mit Gartenanlage, was in diesem Dorf völlig deplatziert wirkt. Die Häuser im Ort sehen denen in Viscri ähnlich, jedes hat ein großes Hoftor zum dahinter liegenden Hof, jeder Giebel mit Zeichen geschmückt, jede Fensterumrandung ist verziert.



Zum Lacu Roşu und durch die Bicaz- Schlucht
Von Sighişoara fahren wir nach Norden in Richtung Târgu Mureş, dann nach Osten über Praid und schließlich durch erste Gebirgszüge der Ostkarpaten mit herrlichem, noch grünem Laubwald in den kleinen Wintersportort Bucin. Nachts ist es kalt, doch tagsüber scheint die Sonne bei etwa 14 Grad. Die geschnitzten Holztore in dieser Gegend, Szekler-Tore genannt, weisen besondere Symbole wie Sonne, Sterne, Ranken- oder Seilmuster auf und sind als Eingangstore sozusagen die Visitenkarte des jeweiligen Eigentümers. Die Bevölkerung ist hier zu einem großen Teil ungarisch-stämmig.








Eine fast zwanzig Kilometer breite Ebene müssen wir bis nach Gheorgheni/ Niklasmarkt durchqueren, ein Straßendorf folgt auf das nächste. Danach geht es stetig bergauf in die Ostkarpaten. Bevor der Bicaz-Pass in Sicht kommt, findet sich ein wunderschöner Nachtplatz in einem schmalen Seitental. Die Bärenspuren vor der „Haustür“ lassen Abenteuer erhoffen, doch die Nacht ist ruhig, und die Sonne weckt uns am Morgen, der Bach nebenan plätschert sanft.






Auf dem Pass weht ein eisiger Wind, ein noch nicht fertig gebautes Hochhaus und eine Art Achterbahn sollen wohl den Sommer-Tourismus ankurbeln. Ansonsten ist es leer und kalt hier.
Eine halbe Stunde später erreichen wir den Lacul Roşu, den Roten See. Baumstümpfe und kahle Kiefernspitzen ragen aus dem See – rot ist er allerdings nicht. 1838 rutschte ein bewaldetes Felsmassiv in den Fluss Bicaz und bildete eine Art natürlicher Staumauer. Heute ist der See ein Touristenmagnet, momentan sind die Imbissbuden und Souvenirstände allerdings größtenteils geschlossen. Eine herbstliche, friedliche Stimmung herrscht jetzt hier.



Hinein in die Bicaz-Schlucht geht es nun. Was für eine spektakuläre Schlucht! Felswände ragen bis zu 300m neben uns auf, und den Überhängen kommt unsere Biene gefährlich nahe. Sie erinnert uns an die Todra-Schlucht in Marokko. Wir haben es wirklich perfekt getroffen: Die Sonne scheint und steht im Rücken, es ist früher Morgen und es herrscht nur wenig Verkehr. So können wir diese Fahrt genießen!










Nach etlichen Kilometern wird die Schlucht wieder breiter. Hoch über und am Bicaz-Stausee entlang geht es in Richtung Norden. Eine einzigartige Strecke mit tollen Ausblicken über fast 35 unvergessliche Kilometer!







