Vom Apuseni- Gebirge nach Siebenbürgen

Mit dem kleinen privaten Campingplatz Calatorul im südlichen Teil des Apuseni- Gebirges, etwa 20 Kilometer östlich von Brad, finden wir einen wunderschön gelegenen, von Bergen und saftig-grünen Wiesen umgebenen ruhigen, terrassenförmig angelegten Platz mit herrlicher Aussicht. Wir sind zudem die einzigen Gäste des freundlichen niederländischen Gastgebers Matthias.

Von hier aus wagen wir die ersten Radtouren in Rumänien – was gar kein Wagnis ist, denn die gut ausgebauten Straßen weiter ins Tal hinein enden immer wieder nach etlichen Kilometern am letzten Haus als Schotterpisten und sind entsprechend wenig befahren. Die Häuser und Höfe entlang der Straße sehen hier im Apuseni häufig aus wie in ländlichen Gebieten Deutschlands vor 60 Jahren. Oft ist das Erdgeschoss gemauert, während die Giebelwand des oberen halben Stockwerks aus einfachen Spanplatten besteht. Zu jedem Haus gehören zwei oder drei Nebengebäude aus Holzbrettern oder -stämmen, die als Schuppen, Stall oder Heulager dienen.  Vor nahezu jedem Haus lagert Brennholz für den Winter, auf den Wiesen stehen Heuböcke. Die meisten Fassaden der Wohnhäuser sind hübsch oder auch kitschig verziert, und jedes Haus hat zumindest einen Gemüsegarten zur Selbstversorgung.

Den nächsten höheren Berg Bradisor erklimmen wir mit Mühe, geht es doch von 380m bis auf 870m steil bergauf. Die Aussicht ist von oben natürlich wieder grandios – trotz des getrübten Fernblicks!

Nach drei Nächten verlassen wir diesen Wohlfühlort, um weiter durch das Apuseni Gebirge zu fahren – über schmale, teils sehr gut ausgebaute, teils aber auch sehr kaputte, immer autoleere Bergstraßen. Eine Fahrt über Serpentinen, hinauf und hinunter, und immer tolle Ausblicke! Über Abrud/Großschlatten geht es nach Zlatna und Geoagiu, weiter über eine Schnellstraße nach Hunedoara/Eisenmarkt.

Buces Vulcan

Eine kurze Erklärung zu der Benennung der rumänischen Städte:

Die Städte in Siebenbürgen haben oft sowohl rumänische als auch deutsche (und oft auch ungarische) Namen. Der Grund dafür ist, dass sie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit von deutschen Einwanderern gegründet und maßgeblich geprägt wurden. Die bekannteste Gruppe von ehemals deutschen Siedlern sind die Siebenbürger Sachsen, die bekannteste Stadt ist Sibiu/ Hermannstadt.

In Hunedoara/ Eisenmarkt

Die industriell geprägte, nicht weiter sehenswerte Stadt Hunedoara/ Eisenmarkt durchqueren wir rasch, um zu der auf einem Kalkfelsen gebauten, riesigen und ehemals bedeutenden Burganlage Hunedoara, auf rumänisch Castelul Corvinilor, zu gelangen. Da das Thermometer auf unserem Parkplatz draußen gegen 17 Uhr immer noch 33 Grad, im Camper 38 Grad zeigt, laufen wir zunächst direkt zur Burganlage.

Auf der Süd- und Ostseite umschließt ein tiefer Festungsgraben die Burg. Über eine Holzbrücke gelangt man durch das Tor und in den mit Katzenkopfsteinen gepflasterten Burghof. Man erkennt in den vielen Anbauten und Erkern die unterschiedlichen Bauphasen zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Auf den Südturm der Anlage kann man hinauf steigen.

Im Anschluss an die Besichtigung machen wir – leider zu spät – die Erfahrung, dass eine Vorspeise für zwei Personen hier so groß und sättigend ist, dass man keine Hauptspeisen mehr zu bestellen braucht.

Vorspeise

Nach einer Nacht auf dem Parkplatz nahe der Burg geht es nun an neu erbauten extravaganten, aber hier keinesfalls ungewöhnlichen städtischen Wohnhäusern vorbei hinaus aus Hunedoara, auf schmalen Straßen über Petrosani in Richtung Transalpina in die Karpaten.

Die Straße 7A wird zunehmend schmaler, links fließt ein Gebirgsbach, rechts begrenzen hohe Felsen mit ein paar Überhängen und saftig- grünen Nadel- und Laubbäumen die Straße. Eine schöne Strecke – allerdings sind die entgegen kommenden rasenden LKWs ziemlich beängstigend. Glücklicherweise begegnet uns keiner in einer der sehr engen Haarnadelkurven, so dass ein Ausweichen immer möglich ist.

Auf 1589m haben wir die Passhöhe erreicht und biegen nicht direkt auf die Transalpina ab, sondern wählen die Straße südlich des Lacul Vidra. Hier wird klar, warum auf der bisher gefahrenen Strecke solch ein reger LKW-Verkehr herrscht. Auf etwa 10 Kilometer Länge wird die ehemals schmale Straße am See zu einer Rennstrecke ausgebaut – bestimmt erfreulich für die rumänischen Autofahrer*innen, die auf jeder noch so unübersichtlichen Strecke und vor jeder Kurve überholen.

Auf einen schönen Nachtplatz am See hoffen wir hier vergebens: Bäume versperren nahezu jede Sicht auf das – allerdings auch wenig Wasser beinhaltende – künstliche Gewässer. Am Ende des Stausees wird die Nacht zumindest ruhig und sternenklar.

Die Fahrt über die vielfach beschriebene Transalpina am nächsten Tag ist enttäuschend: Fichten an steilen Hängen, Fichten an weniger steilen Hängen, Ausblicke lediglicjh auf Bäume und ein zweiter nahezu komplett leerer Stausee. Lediglich am Staudamm können wir einen Blick in die Ferne – und auf eine Menge Nippes-Verkaufsbuden werfen. Hier essen wir – neben etlichen anderen (Motorrad-) Touristen – die erste Clătite mit Schinken und Käse – köstlich!

Auf dem Weg aus dem Wald in die Stadt Iulia Alba/ Karlsburg haben wir das Glück, an einer gut fließenden Quelle noch Wasser tanken zu können. Somit ist die Wasserversorgung für die nächste Woche gesichert.

In Alba Iulia

Iulia Alba begrüßt die Besucher*innen am 12.September mit viel Autolärm und lauter Musik: Zwischen den Festungsmauern findet eine Show statt, in der stolze Besitzer ihre aufgemotzten Oldies und deren überdimensionierte Musikanlagen präsentieren. Dabei darf der entsprechende Sound (von Motoren und Musik) natürlich nicht fehlen. Wir schauen und staunen, gibt es doch Fahrzeuge, die anscheinend fast ausschließlich aus Lautsprechern und PS  bestehen.

Alba Iulia: Zwischen den Mauern

Alba Iulia gehört zur Region Siebenbürgen. Die Stadt wurde seit der Römerzeit vielfach komplett zerstört und immer wieder neu aufgebaut, nach der letzten Zerstörung durch die Türken in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde unter Karl IV nach der Einebnung vieler Bauten schließlich die siebeneckige Festung im Stile Vaubans erbaut. Besondere Bedeutung erlangte die Stadt durch den Vertrag von Trianon, in dem die Einheit Großrumäniens 1918 beschlossen wurde.

Heute hat sich die Stadt natürlich weit über die Festungsmauern ausgebreitet, für uns ist jedoch vor Allem die Festung interessant, die die im 18. Jahrhundert entstandenen Prunkbauten wie eine mehrschalige Zwiebel mit ihren dicken Mauern und Bastionen einschließt.

Zwischen den Wällen – deren Mauern insgesamt über 10 Kilometer lang sind –  befindet sich ein breiter Streifen aus Grünflächen, Radweg und Fußgängerareal, der von der Gastronomie genutzt wird für zahlreiche Gartencafés und Imbisse. An diesem Nachmittag herrscht hier noch fast gähnende Leere, doch die Vorbereitungen lassen große Feiern am Abend erahnen. Wir finden aus diesem Ring kaum noch heraus, da immer wieder zusätzliche Festungsmauern den Überblick verlieren lassen.

Durch ein äußeres Tor, über eine Brücke und durch das Tor des prunkvollen Glockenturms der Krönungskathedrale gelangt man in die Festung und unmittelbar auf den begrünten und mit Bogenarkaden umschlossenen Innenhof der Anlage vor der Krönungskathedrale. Hierin finden heute mehrere Hochzeiten statt, am morgigen Sonntag ein „Außengottesdienst“, bei dem wir nicht stören werden.

Krönungskathedrale

Wir schlendern durch das im Inneren des Festungssterns gar nicht so große Areal, sind allerdings von den barocken Prunkbauten nicht so angetan wie von der Festungsanlage selbst, der Stimmung der Menschen und den zur Schau gestellten Autos.

Sonntag ist Waschtag: Im Anschluss an die kurze Fahrt nach Sibiu/ Hermannstadt suchen wir erst einmal einen Waschsalon mit Trockner auf. Drei Maschinen voll zu waschen und zu trocknen dauert mehrere Stunden, und abends fahren wir nur noch in einen großen Park fünf Kilometer südlich von Sibiu, um hier einen Nachtplatz zu finden. Außer uns stehen hier lediglich noch zwei weitere Camper in weitem Abstand. Ab und zu kommt ein PKW, dessen Insassen ebenfalls hier übernachten – anscheinend mögen Rumänen dieses „Minicamping“, vor Allem an den Wochenenden. Der Platz ist für die nächsten Tage und Nächte wie geschaffen: Ruhig, weitläufig, ideal gelegen. Von hier aus kommt man mit dem Fahrrad durch den Grünstreifen fast bis in die Stadt.

In Sibiu/ Hermannstadt

13.-17. September

Am Morgen besucht uns eine riesige Herde Schafe; die Hütehunde sind wider Erwarten freundlich und neugierig, aber nicht bissig. Nachdem die Schafe weiter gezogen sind, machen wir uns auf den Weg in die Stadt, die als eine der schönsten in Siebenbürgen gilt. Sie wurde bereits im 12. Jahrhundert gegründet und ist ein Zentrum der Siebenbürger Sachsen. Hier sprechen recht viele Menschen deutsch.

Von den noch erhaltenen Resten der Stadtmauer mit mehreren Türmen ausgehend erkunden wir die Stadt. Viele Plätze gibt es hier! Die Piaţa Mare, der Große Ring, ist riesig. Am Platz liegt das reich verzierte Rathaus, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Tauben flattern in Scharen umher, ansonsten ist der Platz erstaunlich leer. Die Piaţa Mica, der kleine Ring, liegt einen Bogengang weiter, und auch auf diesem Platz fallen die zahlreichen Bogengänge im Erdgeschoss der Häuser auf. An der Piaţa Huet befinden sich besonders schöne und reich verzierte Gebäude und die Evangelische Pfarrkirche.

Kleiner Ring

Aus vielen Perspektiven fällt der Blick auf die Stadtpfarrkirche, deren Kirchhof von wunderschönen Gebäuden umgeben ist. Wir sitzen im Café und schauen dem Spiel zahlreicher Kinder zu.

Auf den Turm der Pfarrkirche gelangen wir über 700 steile Stufen. Von hier können wir die ganze Stadt überblicken.

Ansonsten blickt die Stadt durch viele hundert Augen auf uns: Die als Wächter der Stadt bekannten Fledermausgauben vermitteln den Eindruck, man würde leicht misstrauisch beobachtet. Auffällig ist, dass in der gesamten Stadt keine Polizei zu sehen ist, die Augen tun also ihren Dienst. Allerdings ist jede Ecke mit Überwachungskameras ausgestattet.

Die Lügenbrücke verläuft über die Straße von der Oberstadt in die Unterstadt. Man erzählt, dass jede auf ihr ausgesprochene Lüge durch unmittelbar abbröckelnden Putz an den umgebenden Hausfassaden entlarvt wird. In letzter Zeit haben wohl nicht so viele Menschen gelogen… oder es ist Vieles restauriert worden!

Lügenbrücke Seht ihr die beobachtenden Augen?

Nach einem Blick in die wunderbar farbenprächtige Orthodoxe Kathedrale radeln wir durch die Unterstadt, die deutlich weniger restauriert, aber dennoch charmant wirkt. Danach flanieren wir in der langen Einkaufsstraße Strada Nicolae Balcescu / Heltauergasse, essen Crepes und Eis mit Riesenkugeln. Erschöpft von so vielen schönen Stadt-Eindrücken radeln wir – den ersten Kilometer zwischen rasenden Autos, danach über breite Radwege durch Grünanlagen – zurück zu Biene.

Noch ein Freilichtmuseum

Der Eingang des Astra-Freilichtmuseums mit über 350 historischen Bauten liegt nur 1,5 Kilometer von unserem Stellplatz entfernt innerhalb einer idyllischen Grünanlage mit Wasserlauf, See, Hügeln, Gemüse- und Blumengärten und kleinen Feldern. Schnell wird klar: Nicht alle Bereiche des Museums können an einem Tag erlaufen und besichtigt werden. So wandern wir „nur“ über den Mühlenweg mit allein über 25 Wassermühlen, die als Getreide-, Stampf-, Schmiedemühlen und für andere Zwecke genutzt wurden. Etwas höher liegen Wohnhäuser, die teilweise noch bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts genutzt wurden. In die Häuser kommt man nicht, lediglich durch Fenster und Türen gewähren Holzgitter einen Einblick. Einen Eindruck der bäuerlichen und frühen industriellen Lebensweise kann man gewinnen; leider sind viele Gebäude komplett verschlossen oder / und Erklärungen fehlen weitgehend. Interessant: Im Sommer stand wohl ein Bett auf der nahezu immer vorhandenen Terrasse, sodass man an der frischen Luft ruhen oder schlafen konnte.

Am Tag darauf sehen wir dann ebensolche Häuser, die wir gestern im Freilichtmuseum besichtig haben, in der Realität in den Dörfern, die auf der Radtour im Süden von Sibiu liegen – die sind allerdings noch bewohnt.

Radtouren in und um Sibiu

Es ist nicht ganz einfach, in dieser Umgebung Rad zu fahren! Radwege gibt es offenbar in und um Sibiu, und sind zu einem Teil zweispurig ausgebaut, wobei sie manchmal breit und glatt asphaltiert, sogar grün markiert, dann wieder schmal und ungepflegt sind. Schwierig ist es manchmal, auf einen solchen Radweg zu kommen, da sie von der Straße durch breite oder tiefe Gräben getrennt sind und es wenig Möglichkeiten gibt, diese zu überqueren. Manchmal ist so ein nur durch Markierungen abgetrennter Radweg keine 80cm breit, führt auf der stark befahrenen Straße entlang oder endet unvermittelt auf einer befahrenen Straße oder auf einem Schotterpfad.

Autofahrer*innen halten zwar meist Abstand, fahren aber sehr schnell am Fahrrad vorbei, auch wenn man auf der Straße radeln muss. Da wir nicht gerne kilometerlange Schotterpisten fahren, sind viele Strecken Hin- und Rückwege, da die schmaleren asphaltierten Straßen im Nirgendwo enden. Gerät man doch einmal auf eine längere Piste, begegnen einem eventuell Hunde, die bellen und drohen zu beißen – da hilft nur Stehenbleiben und Schieben, oder, ganz selten, ein Pfefferspray. Die Komoot-App ist in Rumänien bisher nur bedingt hilfreich gewesen, da etliche Straßen und Wege nicht bzw. falsch eingezeichnet sind. Hier herrscht noch viel Verbesserungsbedarf!

Radtour im Süden von Sibiu

Bevor wir Hermannstadt verlassen, radeln wir eine große Runde südlich der Stadt. Die Tour führt uns vor Allem durch kleine, ärmlich wirkende Straßendörfer und viel Natur. Immer wieder führen Strecken auf Schotterpisten und trockene Lehm- und Waldwege, manchmal kehren wir um, manchmal befahren wir diese Wege. Einmal landen wir in einem Dorf am „Ende der Welt“, hier endet die befahrbare Piste. Dunkelhäutige Menschen schauen uns – anders als bisher in Rumänien – misstrauisch und neugierig an, das Fotografieren wird uns verboten, es herrscht eine etwas unheimliche Stimmung, wie sind ganz offensichtlich nicht willkommen. Später erfahren wir, dass im Dorf Prislop über 90% Roma leben. Wir drehen zügig um und fahren zurück über eine andere Route.

Anstrengende Pisten… und hübsche Kirchen(ruinen)

Morgen geht´s raus aus Sibiu und auf die Transfaragasan!