Zehn Tage in Bulgarien

Mit der Fähre queren wir die Donau und damit die rumänisch-bulgarische Grenze. An der Grenzstation wird Biene durch eine Desinfektionsdusche geschleust, anschließend werden zum ersten Mal auf dieser Reise die Ausweise und der KFZ-Schein kontrolliert. Danach dürfen wir einreisen.

Kamen Bryag

Auf der gut befahrbaren Bundesstraße 71 bewegen wir uns bis Dobritsch durch meist hügelige, leicht bewaldete Landschaften, dann fahren wir weiter über Baltschik und Kawarna bis Kamen Bryag am Schwarzen Meer. An der touristisch wenig erschlossenen Küste verbringen wir drei Tage und Nächte auf dem Parkplatz des archäologischen Reservats Yaylata –  nachts gänzlich ohne Nachbarn, nur tagsüber kommen ein paar Spaziergänger hierher. Nachts hören wir ab und zu Goldschakale in der Ferne heulen, bellende Hunde gibt es hier nicht. Urlaub vom Reisen!

Von hier aus erkunden wir – neben Lesen, Stricken, Faulenzen – den Küstenwanderweg in beide Richtungen.

Das Naturpark-Areal ist eine geschützte Felsenterrasse mit dramatischen Ausblicken entlang der Küstenlinie.  Es ist berühmt für seine von Menschen geschaffenen Höhlenwohnungen, erste Siedlungsspuren reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Im Laufe der Jahrhunderte dienten die Höhlen, die hier zuhauf in die Felsen gegraben sind, auch als Nekropolen, thrakische Felsengräber. Beim Laufen muss jeder Tritt sorgfältig überlegt sein.

Zudem gibt es eine Höhlenkirche, St. Konstantin und Helena und die (schlecht restaurierten) Ruinen einer frühbyzantinischen Festungsanlage.

Am 6. Oktober wagen wir einen ersten Ausflug mit den Fahrrädern zur Festung Kaliakra, gut 20 Kilometer entfernt. Die bulgarischen Autofahrer*innen fahren deutlich rücksichtsvoller als die rumänischen, so dass wir keine Angst haben müssen. Die Küstenstraße ist glücklicherweise wenig befahren, doch leider ziemlich langweilig, sie führt stets geradeaus durch die Ebene. Ein riesiger Windpark ist kurz vor unserem Ziel errichtet worden.

Die Festung Kaliakra wurde ursprünglich unter thrakischer Herrschaft etwa 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung gebaut und war immer ein Zankapfel verschiedener Mächte. Unter römischer Herrschaft wurde sie ausgebaut und im Mittelalter zu einer strategisch wichtigen Festung und zur Hauptstadt des 2. Bulgarischen Reiches. Heute sind vor Allem die Lage auf dem Kap Kaliakra interessant sowie die noch nicht abgeschlossenen Ausgrabungen , die vor Allem die römische Bebauung zeigen.

In der Bolata-Bucht unterhalb des Kaps ragen die roten Felsen hoch auf, hier gibt es einige kleine Fischerboote und Familien, die ein Picknick auf dem Steg genießen.

Jeden Morgen sehen wir an unserem Stellplatz den Sonnenaufgang, jeden Abend den Sonnenuntergang, und es herrscht die perfekte Ruhe.

An der bulgarischen Küste bis Warna

7. Oktober

Wir müssen Wäsche waschen, und der nächste Waschsalon befindet sich in Albena. Hier stellt sich heraus, dass dies ein Waschsalon mit einer einzigen Waschmaschine und genau einem Trockner ist – beides allerdings frei. Da bereits die Einfahrt in den Ort 10€ kostet, wird das eine teure Wäsche! Glücklicherweise fängt die erste Maschine an zu waschen, bevor wir zahlen können. Insgesamt dauert das Waschen und Trocknen von drei vollen Maschinen fast sechs Stunden. Wir nutzen die Zeit, um in dem nahezu ausgestorbenen Ort spazieren zu gehen und einen längeren Strandspaziergang zu machen.

Die Hotels haben fast alle geschlossen und sind unbewohnt, die Tennisplätze verwaist, die Pools sind leer, Strandcafés haben geschlossen und Sonnenliegen und Sonnenschirme sind abgebaut. Dabei ist es sonnig und 25 Grad warm, und auch das Wasser ist mindestens 22 Grad warm. Zudem ist dieser Ort sehr attraktiv: kaum Autoverkehr, eine saubere Strandpromenade, große Parks und eine aufgelockerte, nicht zu hohe Hotel-Bebauung.

Schließlich übernachten wir hier auch und fahren am nächsten Tag zum Aladja- Felsenkloster in unmittelbarer Nähe.

Die Räume dieses Klosters sind auf zwei Ebenen in eine fast 40 Meter hohe Felswand gehauen. Auf der unteren Ebene befinden sich eine kleine Klosterkirche, Mönchszellen, eine Küche, ein Refektorium und eine Krypta. Auf der oberen Ebene befindet sich am Ende eine natürliche Felsnische mit einer Kapelle, in der noch Reste von Malereien zu sehen sind. Wir müssen nicht , wie die Mönche im 11. Bis 14. Jahrhundert, an den Felsvorsprüngen hinaufklettern – eine Metalltreppe verbindet heute die Ebenen.

Zu den Aladja- Katakomben ist es nur ein kurzer Fußweg durch den Wald.

8./9. Oktober

Der nächste Übernachtungsplatz liegt an der Schwarzmeerküste nördlich von Sweti Konstantin und im Nordosten von Warna. Wir stehen direkt an der Hafenmauer – im Prinzip ein Platz mit schönen Ausblicken, wäre da nicht der abendliche Spezialverkehr von und in PKWs, in denen sich in der Dämmerung Paare diversen Vergnügungen hingeben.

Zudem ist die nahe Strandstraße zugemüllt, völlig verdreckt und mit Baumaterialien und Baufahrzeugen zugestellt. Hier wird wohl schon seit Jahren an Hotelanlagen gebaut, etliche sind inzwischen schon wieder zu Bauruinen zerfallen. Dazwischen stehen wenige sehr luxuriöse Bungalows, die von Security bewacht werden – davor sind etliche ukrainische und russische Autos geparkt.

An weiten Stränden

Am nächsten Morgen machen wir uns zeitig auf den Weg. Wir durchfahren Warna, eine große Stadt mit breit und gut ausgebauten Umgehungsstraßen. Allerdings wird in Bulgarien auch sehr viel vernünftiger als in Rumänien gefahren, was auch an den zahlreichen Blitzern und Verkehrskontrollen liegen mag. In der Stadt und in jedem Dorf wird konsequent 50 km/h gefahren, und man hält sich an Überholverbote. Das entspannt das Fahren ungemein!

An dem wunderbaren, mehrere Kilometer langen feinen Sandstrand bei Shkorpilovski verbringen wir den Tag mit Standspaziergängen, bevor wir uns weiter südlich in Nähe des Kaps Emona für zwei Tage und Nächte am Irakli Beach niederlassen. An beiden Orten haben sämtliche Touristenherbergen, Strandcafés und Geschäfte geschlossen, und wir sind fast allein am Strand. Am Irakli Beach gibt es ein einziges (Luxus-) Hotel, das sich in den Dünen versteckt, und ein paar kleine Ferienhütten, doch alles ist verriegelt.

Nessebar

Genug Urlaub, jetzt gibt´s wieder Sightseeing!

Die letzte Station in Bulgarien ist die Altstadt von Nessebar, eine wirklich sehenswerte und äußerst charmante kleine Stadt auf einer felsigen Halbinsel nahe Burgas im Schwarzen Meer.

Die Stadt ist von Thrakern gegründet und im 6./5. Jahrhundert vor Christus von Griechen besiedelt worden. Wegen ihrer bedeutenden Befestigungsanlagen, Kirchen und historischen Wohnbauten sowie ihrer einmaligen Lage ist sie schon 1983 ins UNESCO- Welt- Kultur- und Bauerbe aufgenommen worden.

Wir parken und nächtigen auf einem riesigen Parkplatz (für 5€) und sind hier nur eines von zwei Wohnmobilen, wo im Sommer wahrscheinlich hundert stehen.

Gegenüber in der Ferne ist der Sonnenstrand zu sehen, eine Touristenhochburg sondergleichen und völlig unattraktiv für uns. Wir schauen uns lieber diese kleine Stadt an, um die herum sich ein Fuß- und Radweg zieht und deren Zentrum über Treppenaufgänge zu erreichen ist.

Zunächst fallen die ungewöhnlichen und schönen Profanbauten auf, die überwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammen. Das Untergeschoss besteht aus dicken Steinmauern, die oberen Stockwerke sind aus Holz und kragen über die Steinmauern hinaus.

Schmale kopfsteingepflasterte Gassen führen kreuz und quer durch die Stadt, die Sträßchen und Gassen sind mit Platanen und anderen Bäumen bepflanzt, an Häusern und Zäunen wächst Wein empor.

Immer wieder taucht hinter einer Ecke überraschend eine schön restaurierte Kirchenruine auf. Die Alte Metropoliskirche stammt aus dem 5./6. Jahrhundert, ebenso wie die Basilika am Meer.

Etliche Kirchen stammen aus dem Mittelalter: Die Johannes- Aleiturgetos-Kirche, die die Erzengel-Michael-Kirche, die Sveti-Stefan-Kirche und die Christus-Pantokrator-Kirche. Die streifenweise Zierkonstruktionen im Mauerwerk und die Keramikrosetten und Näpfe haben eine außergewöhnliche Wirkung. Mich erinnern diese Keramikverzierungen an die Klosterkirche Neamt.

Einen Aperitiv und einen leckeren Garnelen-Imbiss bekommen wir in einem der unzähligen Restaurants mit Blick aufs Meer, hoch über der Stadtmauer – zum Glück haben noch einige Betriebe vor der Winterpause geöffnet. Das Essengehen ist hier allerdings sehr teuer, einem Bulgaren mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 1055 bis 1300€ Brutto würde hier jeglicher Appetit vergehen.

Nach einer ruhigen Nacht umrunden wir die Stadt auf der Halbinsel noch einmal und verabschieden uns schließlich, von Eindrücken gesättigt, in Richtung Griechenland.

Auf nach Griechenland!

Das ist allerdings noch eine weite Strecke: Von Burgas fahren wir etwa 200 Kilometer nach Westen durch eine langweilige, flache Landschaft, Abwechslung bietet nur der Blick auf die begleitende Bergkette im Norden. Dann geht es nach Süden über Chaskowo, doch erst vor Kardschali wird die Fahrtstrecke interessanter. Immer bergauf fahren wir, Bäume und Sträucher haben hier in der Höhe herbstliche Farben angenommen.

Wir übernachten auf irgendeinem weiten Wiesenhügel, der Schäfer gibt sein OK. Morgens hätten wir fast noch einen kleinen Welpen dazugewonnen, der eine Stunde neben Biene weint und schreit. Er ist wohl seiner Hundemutter weggelaufen und findet nicht zurück. Endlich, als er vor Erschöpfung zittert und immer wieder einnickt, kommt die Mutterhündin, packt ihn vorsichtig und trägt ihn wohin-auch-immer zurück. So eine Erleichterung!

Auf der Weiterfahrt durch die östlichen Rhodopen in Richtung Gebirgspass und Grenze werfen wir noch einmal Blicke auf die schönen und weniger schönen Seiten Bulgariens und verabschieden uns schließlich auf etwa 600m Höhe nach Griechenland.