In Griechenland: Von Thassos auf die Chalkidiki

Bei 11 Grad und Regen fahren wir am 13. Oktober von Bulgarien über die Rhodopen nach Griechenland hinüber. Hier gibt es keine Grenzkontrollen, lediglich ein Desinfektionsbad für die Reifen. Auf der griechischen Seite geht es wieder bergab – auf gut ausgebauter Straße ohne Löcher oder Rillen. Über Komotini führt der Weg bis in den Nationalpark Nestos Delta, weiter über eine schmale Landzunge in der Lagunenlandschaft gelangt man zum Kloster des Nikolaus.

Was für eine Lage! Mitten im See liegt das kleine Kloster, ist nur über eine Holzbrücke zu erreichen.

Nur wenige Kilometer weiter, in Porto Kalli auf dem großen Hafen- Parkplatz, richten wir uns nach diesem Zwischenstopp für die Nacht ein. Allerdings bekommen wir kaum ein Auge zu, es stürmt mit Böen bis zu 80km/h und es regnet dazu heftig. Neben uns werden die großen Sonnenschirme umgeweht, die Blumen aus ihren Kübeln gerissen und die mit Plastik verhängten „Fensterscheiben“ der Hafentavernen zerrissen. Zum Glück steht kein Baum in der Nähe!

Am Morgen stürmt es noch immer, wir hoffen, dass der Sturm nachlässt, bevor wir am Fährhafen Komotini ankommen und die Fähre nach Thassos nehmen. Schließlich will niemand seekrank werden! Von dieser Insel in der nördlichen Ägäis haben wir beide noch nichts Konkretes gehört und sind gespannt, was uns erwartet.

Wir haben Glück, der Wind lässt nach, und die nächste Fähre legt schon in einer Stunde am Hafen ab. Die Tickets gibt es ein paar Minuten vorher am Schalter… die Griechen haben alle Zeit der Welt.

Außer Biene stehen nur wenige Fahrzeuge unter Deck, und wie immer werden alle in den Bug eingewiesen und stehen dicht an dicht, das Heck bleibt frei. Es schaukelt nur noch ein wenig…

Auf Thassos

In Limenas, der Hauptstadt von Thassos, herrscht in den schmalen Straßen am Hafen Verkehrschaos, doch Tom erinnert sich noch gut an das Rangieren in den engen Straßen Griechenlands, immer mit einem Auge nach oben wegen der überkragenden Balkone. Wir finden schließlich einen Parkplatz in der Hafengegend und können uns erst einmal bei einem Spaziergang umschauen. Der Weg führt an der Hafenstraße entlang zum alten Hafen, auf die erhöhte Landspitze mit den Überresten des antiken Theaters und mit Blick auf Limenas wieder hinunter.

Limenas

Nur etwa 12 Kilometer weiter südlich finden wir den ersten Stellplatz und Ausgangspunkt für eine Tour mit den Fahrrädern in Chrysi Ammoudia auf einem Parkplatz am Golden Beach. Der Strand ist zwar „golden“, schaut allerdings sehr vernachlässigt aus. Seit etwa einem Monat ist der Sommerbetrieb wohl endgültig beendet, und schon liegen überall Bauschutt, Holzbretter, kaputte Bastsonnenschirme und andere Überbleibsel des Sommers herum. Zudem stehen im Hintergrund in allen möglichen baulichen Zuständen Residenzen für Urlauber oder Investorenruinen, aktive Bautätigkeit gibt es kaum. Wir erfreuen uns an dieser Übergangszeit, ist es doch ruhig und leer hier, und niemanden stört das Wohnmobil -zumal wir ja unsere Toilette und genug Wasser dabeihaben.

Am Morgen des 15. Oktober strahlt die Sonne wieder am Himmel, und wir starten zur ersten Radtour seit Langem. Das Radfahren ist hier auf Thassos problemlos möglich und macht Spaß: wenig Verkehr, freundliche, Abstand haltende Autofahrer*innen, sanfte und steilere Hügel – mehr wünschen wir uns nicht.

Die Sonne lässt das Wasser glitzern, die Ausblicke auf das Grün der Kiefern- und Pinienwälder sind fabelhaft, die Buchten idyllisch.  Die Insel ist ein Traum!

Am Morgen darauf genießen wir den Sonnenaufgang und fahren schließlich mit dem Camper weiter bis zu der kleinen Halbinsel Aliki an der Südostküste. Vom 7.Jh v. Chr. bis ins 7.Jh n. Chr. wurde hier in mächtigen Steinbrüchen bis auf eine Höhe kurz über dem Meeresspiegel Marmor abgebaut. Infolge von Gebirgssenkungen ist heute die untere Abbausohle überflutet. Wir bestaunen die große Blöcke des wertvollen Steins, die noch aus dem Meer emporragen und knapp unter dem Meeresspiegel sichtbar sind.

Bei Ausgrabungen Ende des 19. Jahrhunderts fand man Heiligtümer aus verschiedenen Epochen auf Aliki. Ein Heiligtum aus dem 7.Jh v. Chr. war Apoll geweiht, die beiden nebeneinander liegenden Basiliken stammen aus dem 5. Jahrhundert n. Chr.

Ein Rundweg führt um die Halbinsel herum und gibt Gelegenheit, immer wieder vom Weg abzuweichen und Spannendes zu entdecken.

Über die teils bewaldeten, teils felsigen Hügel des Südens fahren wir weiter im Uhrzeigersinn auf der Ringstraße bis kurz vor Potos an der Südwestküste. Eigentlich wollten wir noch zur Giola, einem natürlichen Becken im Fels der Südküste. Der steile und felsige Weg führt heute jedoch nur zu einem fest verschlossenen Parkplatz, und so genießen wir einfach die Ausblicke über diese einmalig schöne, leicht bergige, mit Kiefern und Pinien und etlichen Laubbäumen bewachsene Landschaft.

Südküste mit Kloster in den Felsen

 Kurz vor Potos finden wir einen Platz am Strand für zwei Nächte.

Von hier aus machen wir zwei Ausflüge mit den Fahrrädern. Die erste Tour führt uns ins Landesinnere bis auf ein Hochplateau auf etwa 500m Höhe – auf 10 Kilometer geht es über 600 anstrengende Höhenmeter bergauf.

Hier liegt Kastro, ein Ort, der früher 60 bewohnte Häuser aufwies, im 20. Jahrhundert aber nach und nach entvölkert wurde. Die Bewohner*innen zogen an die südliche Küste, die Häuser verfielen. Heute sind etliche Häuser restauriert und wieder aufgebaut, einige befinden sich noch im Neuaufbau, Bauschutt liegt leider (und nicht nur hier) an jeder Ecke.

Hübsch sehen sie aus, die Häuser, doch das Leben fehlt! Bis auf die überall herumkletternden Ziegen sehen wir keinen Bewohner, es gibt keine Gastronomie bis auf einen Platz, der mit Stühlen bestückt ist – doch niemand sitzt dort. Noch nicht einmal Nippes- Verkaufsläden existieren hier – ein totes Dorf. Es wirkt wie ein auf dem Papier entstandenes Projekt, das die Lebensbedingungen und Bedürfnisse der Menschen nicht berücksichtigt hat.

Am Abend können wir am Strand zusehen, wie Fotos von einem frisch vermählten Paar, unter Anderem auch mit einer Drohne, gemacht werden, und am nächsten Morgen zieht erst ein Schäfer mit seiner Herde, dann ein Ziegenhirte an Biene auf dem Strand vorbei. Handtuch auslegen zum Sonnen wäre jetzt nicht mehr so attraktiv…

Die zweite Radtour führt ebenfalls ins Innere der Insel, nach Theologos. Der Ort liegt auf 300m Höhe, sodass die Fahrt weniger anstrengend ist. Theologos ist auch heute noch bewohnt und zudem ein wesentlich größeres Dorf als Kastro. Theologos war ab 1813 während der türkisch- ägyptischen Besatzung Hauptstadt und Verwaltungssitz von Thassos, allein aus diesem Grund siedelten sich hier viele teils mächtige Familien an. Heute leben hier noch etwa 800 Einwohner.

Heute ist Theologos ein beliebtes Ausflugsziel. Die Umgebung ist ein Traum: Pinien- und Kiefernwälder, zahlreiche kleine (im Frühjahr vermutlich eher große) Flussläufe mit großen und kleineren Felsen und Olivenhaine mit teils uralten Olivenbäumen prägen das Bild. Wir besuchen die Kefalogourna Wasserfälle, die aufgrund des fehlenden Regens nur spärlich fallen.

Zurück nach Potos geht es nur bergab. Ein Elektrofachmarkt an der Strecke durch Kalusses amüsiert uns dadurch, dass davor auf der Straße ebenso viele alte Geräte stehen wie im Geschäft.

Am Nachmittag verlassen wir mit Biene Potos und entscheiden uns für einen Nachtplatz an der Straße nach Maries, einem weiteren alten Bergdorf. Die Landschaft an dieser Strecke ist beeindruckend schön: Während talwärts große Olivenplantagen mit uralten, bis zu 1800 Jahren alten Bäumen links und rechts den Blick lenken, ist die Straße weiter oben mit Steineichen, Pinien und herbstlich gelben Platanen gesäumt. Neben der Straße springt ein heute dürftiger Bach über Geröll und Felsvorsprünge, Ziegen queren den Weg und werden vom Hirten mit Pfiffen in ihren nächtlichen Stall gelenkt.

Morgens laufen wir das letzte Stück des Wegs nach Maries und besichtigen das Dorf, das noch etwa 160 Einwohner zählt. Es liegt eng an den Hang geschmiegt, steile Gassen führen zu den kleinen Häusern. Es ist das belebteste Dorf, das wir sehen, und gleichermaßen das, welches am natürlichsten geblieben zu sein scheint. Männer sitzen vor Tavernen, Frauen schrubben den Kirchplatz oder gehen durch die Gassen und grüßen freundlich. Die Häuser sehen überwiegend ärmlich aus, zum Teil sind sie in Stand gehalten, viele aber auch von Verfall bedroht, einige werden zur Zeit repariert und winterfest gemacht. Durch das ganze Dorf führt eine Straße, die mit Pickups befahren werden kann, die übrigen Gassen sind so schmal, dass lediglich Mopeds und Fußgänger*innen sie nutzen können. Eine verfallene Ölpresse liegt am unteren Ende des Ortes, die zahlreichen Bäche und auch die Wasserfälle sind zur Zeit versiegt, kein Wasserstrahl könnte das Wasserrad antreiben.

Mülltonnen sind am Dorfrand zwar zahlreich vorhanden, werden aber offenbar nicht oder zu selten geleert. Müll liegt weit verstreut herum, dazu kommt kubikmeterweise Sperrmüll. Dieses Bild sieht man leider häufig in Griechenland, und hieran hat sich auch in den letzten vier Jahren nichts geändert.

Nachmittags geht die Fahrt weiter, wieder zurück zum Meer, zum Hafenort von Maries, nach Skala Marion. Am Ortseingang befindet sich ein großer, völlig leerer Parkplatz direkt oberhalb der Küste mit tollem Ausblick. Welch ein Glück, diese Aussicht, das Meer, den Sonnenuntergang, die warmen Tage und die freundlichen Menschen erleben zu dürfen!

Den Spaziergang zum Hafen genießen wir und sitzen in der Abendsonne bei einem Aperitif, bis es zu kühl wird.

Bei einer letzten Radtour auf Thassos erkunden wir die Westküste von Skala Marion bis hinauf nach Akra Prinos. Die letzten Kilometer führen abseits der Ringstraße auf unbefestigten Wegen durch endlos wirkende Olivenhaine.

In Akra Prinos wird es wieder touristischer – hier gibt es lange Sandstrände, Hotels und Appartements und -zur Zeit- geschlossene Tavernen. Nach dem mittäglichen Imbiss radeln wir über Prinos zurück. Ab diesem Ort wird die Straße Richtung Norden deutlich breiter und befahrener, die Straßenränder somit auch sehr viel vermüllter. Den Rest der um die Insel führenden Straße von Prinos nach Limenas – etwa 15 Kilometer – sparen wir uns aus diesem Grunde und beschließen, am morgigen 21. Oktober zurück aufs Festland zu fahren.

Den letzten Nachtplatz auf Thassos beziehen wir mit Genehmigung der Chefin direkt neben dem Restaurant am Hafen in Skala Marion – das ist sicherlich nur in der Nebensaison möglich! Den letzten Abend genießen wir erst vor, dann im Restaurant bei einem leckeren Essen.

Von Thassos nach Kavala und an der Küste bis Ouranoupoli

Für die Rückfahrt nutzen wir den wesentlich weniger angefahrenen Fähren- Abfahrtsort Ormos Prinou an der Westküste und kommen nach gut einer Stunde ruhiger Fahrt in Kavala an. Hier wollen wir uns die Festung ansehen – die bleibt jedoch aus weiter Ferne nur eine fotographische Erinnerung. Die Parkplatzsuche erweist sich als völlig aussichtslos, und wir sind froh, aus dieser chaotischen Stadt ohne Schaden heraus zu kommen!

Den „Schaden“ bekommen wir dann als Warnmeldung der Motorleuchte eine gute Stunde später auf der Strecke in Richtung Amphipolis am Ägäischen Meer. Die heimische Ford-Werkstatt rät bei einem Telefonat, nicht mehr weiter zu fahren, sondern in einer Werkstatt auslesen zu lassen, was genau die Meldung besagt, da ein drohender Motorschaden eine der möglichen Ursachen sein könne.

Wir beziehen also einen nahen Parkplatz am byzantinischen Apollonia-Turm an der Küste und kontaktieren den ADAC. Dieser leistet sehr zügig und hervorragend Hilfe. Ein Mitarbeiter, der deutschen und griechischen Sprache mächtig, vermittelt einen Abschleppdienst und einen Werkstatttermin am nächsten Morgen und erkundigt sich mehrfach, ob alles reibungslos verläuft. Etwas beruhigter verbringen wir die Nacht am Turm mit Aussicht auf die Küste.

Pünktlich um neun Uhr wird Biene aufgeladen, und wir sehen während der 20-Kilometer-Fahrt die Küste aus höherer Perspektive.

Nur wenig später nach dem Auslesen des Fehlercodes durch den fachkundigen, in Köln aufgewachsenen und deswegen perfekt kölsch sprechenden Werkstattchef, fällt uns ein dicker Stein vom Herzen. Der Fehler erweist sich als relativ unbedeutend: Der Katalysator ist verdreckt. Wir dürfen weiterfahren und können, falls die Meldung erneut auftritt, den Katalysator in Thessaloniki reinigen lassen.

22.-27. Oktober

Die Reise kann also weiter gehen!

Auf dem Weg nach Athos, dem östlichsten der „drei Finger“ der Chalkidiki- Halbinsel, besichtigen wir das antike Stagira, den Geburtsort von Aristoteles, auf der kleinen Halbinsel Liotopi bei Olympiada. Über einen gewundenen steilen Pfad geht es bergauf. Ausgrabungen haben erstaunlich gut erhaltene Mauern der Festung zutage gebracht, außerdem eine Agora, einen Teil eines Tempels auf der Spitze des Festungsberges, eine Akropolis und zahlreiche Grundmauern von Häusern. All dies wurde ab etwa 655 v. Chr. gebaut und erlebte in den Jahrhunderten danach eine wechselvolle Geschichte, bevor die Stadt 349 v. Chr. zerstört und später wieder neu aufgebaut wurde.

Im Hafen von Ierissos, kurz vor der Halbinsel Athos, schauen wir den großen Trawlern beim Klarmachen der Schiffe für die nächtliche Ausfahrt zu. In Hafennähe gibt es zudem mehrere kleine Werften, in denen Holzboote gebaut oder repariert werden, sodass der Spaziergang am Kai zu einer interessanten Besichtigung wird, von schön dekorierten Motorbötchen bis zum Dreimaster aus Holz wird uns alles geboten. Anschließend haben wir eine etwas unruhige Nacht an der Hafenmauer, hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen – das hätten wir uns denken können!

Ein immer mächtigeres und nervenzehrendes Sandmücken- und Sandfliegen- oder Grasmilben- Problem zwingt uns dazu, in Ouranoupoli ein Appartement mit Waschmaschine zu mieten. Hier werden wir vier Tage und Nächte verbringen und währenddessen Bienes Innenleben reinigen und desinfizieren, sämtliche Wäsche waschen und die Polster reinigen. Dazu muss Tom erst einmal einen kräftigen Staubsauber, der zugleich Camper-tauglich ist, im Elektromarkt erstehen. Während die Waschmaschine ihren Dienst tut, erkunden wir mit Fahrrad und zu Fuß die Umgebung und die belebte Fußgängerzone mit noch geöffneten Restaurants und Tavernen.

Ein hübsches Städtchen ist Ouranoupoli, der mächtige Wehrturm, 1344 erbaut, ist sein Wahrzeichen. Hinter der Stadt beginnt die Autonome Mönchsrepublik Athos, zu der nur Männer mit Sondergenehmigung Zutritt haben. Vom Hafen aus fahren täglich Versorgungsschiffe für die Klöster ab, und Touristenboote umrunden den heiligen Berg. Für uns fällt diese Bootsfahrt wegen des aufkommenden Regenwetters leider aus.

Nach vier Tagen anstrengenden Faulenzens sind die Stiche fast verheilt, Biene komplett gereinigt und die Wäsche ist sauber. Jetzt geht es nach Sithonia, dem 2. Finger der Chalkidiki!

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